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Christbäume

Ein Juliabend. Der Tag war lang, heiß, voller Schwimmbadseligkeit, der Geruch der Sonne noch auf der Haut. Das Kind sollte schlafen gehen. Es war erst früh am Abend – aber für Vierjährige war es Zeit.

Das Kind stand am Ende der großen Veranda und blickte durch die Glasscheibe zum Horizont. Da geschah etwas: In dem schon dunklen Himmel leuchtete eine Lichtpyramide auf. „Ich kann nicht schlafen gehen, wenn das Christkind kommt. Seht doch den Baum. Es ist Weihnachten!“, rief es aus.

„Das Kind hat Fieber. Wieder einmal Mittelohrentzündung, sicherlich! Und das mitten im Sommer. Schnell ins Bett!“ „Nein, nein!“, wehrte sich das Mädchen und rieft  verzweifelt: „Ich kann doch nicht schlafen gehen, wenn das Christkind kommt!“ – „Unsinn!“, entgegneten die Eltern. „Seht ihr nicht den Christbaum, wie er vom Himmel fällt?“ „Wir sehen nichts. Es ist alles dunkel!“,  riefen die Eltern.

Der Schlaf, der dieser Himmelserscheinung folgte, war so, dass er keine Erinnerung hinterließ. Auch am nächsten Tag war der Weihnachtsbaum kein Thema mehr. Warum sollte das Kind darüber sprechen, wenn ihm niemand glaubte?
 
Fünf Jahre später: Es war Spätherbst in der Kriegszeit. Todmüde nach langen Fußmärschen durch Schlamm und über unwegsame Wege bestiegen die Flüchtenden den Planwagen zur Nachruhe. Der große Vater, bewegungslos und meistens ohne Besinnung, lag er in der Mitte des Wagens auf den Pferdedecken und über dem Gepäck. Das Gepäck: Proviant und die nötigsten Kleider, Dinge, mit denen sieben Menschen nun für den Rest des Lebens auskommen mussten. Die erschöpften Pferde trotteten weiter durch die Nacht. Es galt, drei Länder weit zu durchfahren, im Rücken war der Feind. Außer dem Fahrer waren wohl alle eingenickt oder apathisch geworden. Da, ein Schrei. Ein jähes Anhalten der Pferde. Gebückt rannte der Anführer von Wagen zu Wagen: „Raus aus den Wagen, duckt’s euch, alles flach auf den Bauch legen!“
 
Das Kind sprang aus dem Wagen. Die Erwachsenen folgten. Es legte sich auf die feuchte Wiese und merkte noch, wie eine Hand seinen Kopf sanft nach unten drückte. Der Vater konnte nicht mehr herunter. Er war gelähmt und wusste nicht mehr, was er tat.  Das Kind konnte nicht anders, es  musste die Augen öffnen und da sah sie ihn, wie damals in der Julinacht, als sie noch zu Hause waren und der Vater schwimmen und lachen konnte. Es sah, wie ein feuriger Baum langsam zur Erde fiel, spürte den Erdboden erzittern.

Das Kind war glücklich. Es hatte also damals nicht nur geträumt. Nun würde man ihm glauben. Jetzt sahen sie ihn alle, er fiel einfach vom Himmel, der Wunderbaum! Es spürte die Angst, hörte den Ruf: „Brandbomben fallen!“ Doch es wusste: Vor einigen Jahren hatte es ihn wirklich gesehen: den Christbaum,  der vom Himmel fiel, damals, als niemand ihm glaubte. Und es erleichterte das Kind jetzt, in einem Moment, da Leben und Tod sekundenschnell zusammenfinden konnten, weil der Christbaum vom Himmel fiel  wie in jener Nacht in der burgenländischen Ebene.
 
Niemandem war damals etwas geschehen. Nach dem Erzittern der Erde war es später wieder ruhig geworden; es herrschte finstere Nacht. „Glück gehabt!“, hörte das Kind eine Stimme sagen. „Was heißt hier Glück?“, murmelte jemand leise. Und eine Frau flüsterte: „Das war erst der Anfang. Gott steh‘ uns bei!“

Gertrud Pintz-Böhler