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Mozart – Der lila Geigenkasten

Übermüdet, lustlos, rührte Herr Seitzinger in seiner Kaffeetasse. Es war der sechste „Braune“, legte den Löffel auf die Untertasse, mit einem leichten Zögern, wie es schien, und, wer ihn kannte, wie der Oberkellner, Herr Josef, zum Beispiel, konnte aus seiner Geste Resignation lesen. Seitzinger war der letzte späte Gast in diesem Wiener Kaffeehaus, das sich noch einen Hauch der glorreichen k.u.k. – Monarchie bewahrt hatte. Herr Josef, mit üppigem Kaiser-Franz-Josef-Bart, begrüßte Herrn Seitzinger stets mit „Habe die Ehre, Herr Kriminalrat“, obwohl dieser Kommissar war, half ihm aus dem Mantel, servierte unaufgefordert den „Braunen“, und legte die Wiener Tages-zeitung, die sein Stammgast zu lesen pflegte, auf das zierliche Marmortischchen. „Noch eine halbe Stunde warte ich“, dachte der späte Gast, „dann wird mein Informant wohl nicht mehr kommen.“

Zerstreut blätterte er in der Zeitung, während er noch einmal alle Stadien  „seines Falles“  rekapitulierte. Das Verschwinden des lila Geigenkastens aus dem Wiener Museum. – Wieder sah er die fetten Lettern auf den Titelseiten: „Mozarts Geigenkasten aus Museum geraubt. Aufsichtspersonal unter Verdacht.“ – Eine Verehrerin hatte dem achtjährigen Mozart einst diesen Geigenkasten geschenkt, zusammen mit einer weißlackierten Kindergeige. Es hieß, Mozart habe sie kaum benutzt – Vater Leopold hatte die Klangqualität bemängelt.

Das Rätsel: Die Glasvitrine, in der die Geige und der Geigenkasten ausgestellt waren, war unbeschädigt, keine Fingerabdrücke waren feststellbar. Das tagelange, ergebnislose Verhör des Aufsichtspersonals. Dann nach zehn Tagen, der anonyme Anrufer. Er könne einen heißen Tipp geben, hatte er gesagt, und Kommissar Seitzinger hatte sich heute, 21.00 Uhr, hier mit ihm verabredet. Seitzinger blickte auf eine Armbanduhr. 23.25 Uhr. Na ja, dass hatten wir ja schon öfters, dass ein Informant kalte Füße bekommt. Er nippte an seinem „Braunen“, und, während sich in seinem übermüdeten Kopf die Gedanken wie ein Karussell zu drehen begannen, blickte er hinaus in die Nacht. Das Licht einer Laterne spiegelte sich auf dem nassen Asphalt. Auf der großen Fensterscheibe des Kaffeehauses erschien schemenhaft eine Spiegelung. Die Spiegelung einer weiblichen Gestalt, die eine Tüte in der Hand trug, aus der ein lila Gegenstand ragte. Seitzinger sprang auf, warf 200 Schilling auf das Tischchen, und lief, ohne Gruß und Mantel, hinaus auf die Straße.

Die Frau steuerte auf einen Taxistand zu. Nach einem filmreifen Sprint erreichte er die Person gerade noch, als sie in ein Taxi steigen wollte. „Entschuldigen Sie, gnädige Frau, darf ich mal in Ihre Tasche sehen? Gestatten, Kommissar Seitzinger.“ Atemlos hielt er ihr seinen Dienstausweis hin, während er mit raschem Griff den Gegenstand aus der Tüte zog. Es war der lila Geigenkasten! – „Bitte folgen Sie mir ins Kaffeehaus“, sagte Seitzinger in dienstlichem Ton.

Da saß sie ihm gegenüber, nervös spielten ihre schlanken Finger mit einem Taschentuch, noch presste sie die Lippen fest aufeinander. Mitte Dreißig mag sie sein, dachte Seitzinger. Es gelang ihm, nachdem er ihr eine Tasse Kaffee bestellt und beruhigend auf sie eingeredet hatte, ihre Zunge zu lösen. „Herr Kommissar, mein jüngster Sohn, der Wolfgang, hat vor vier Wochen diesen Geigenkasten im Museum gesehen. Wissen Sie, er spielt auch Geige, ist sehr begabt, sagt Herr Professor Viatis, sogar Konzerte durfte er schon geben, na ja, mein Wolfgang verehrt Mozart sehr.“ Den Bruchteil einer Sekunde leuchteten die Augen der Frau. „Ach, ich habe vergessen zu erwähnen“, nervös strich sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, „dass mein Wolfgang, acht Jahre ist er alt“, hier stockte sie, „Leukämie hat. Zwei, drei Monate hat er noch zu leben. „Mama“, hat er gesagt, als wir aus dem Museum kamen, „ich möchte so gerne einmal auf dieser Geige spielen.“
 
Seitzinger runzelte die Stirn. „Und dem Herrn Brodzki, der in diesem Saal Aufsicht hatte, er ist doch unser Nachbar, habe ich von Wolfgangs Wunsch erzählt. Da hatte der gute Herr Brodzki die Glasvitrine aufgesperrt. Glauben Sie mir, Herr Kommissar, wir wollten die Geige am nächsten Tag wieder zurückbringen, aber der Medienrummel . . .“

Beide schwiegen. Zum ersten Mal in seiner Laufbahn verfluchte Seitzinger seinen Beruf. Mit einer fremden, tonlosen Stimme hörte er sich sagen:  „Gnädige Frau, ich muss Sie bitten, mich in mein Büro zu begleiten, wir müssen Ihre Aussage zu Protokoll geben.“

Ingeborg  Höverkamp