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Im Angesicht des Herrn

Lina war mit den Kindern im Gottesdienst. Sie war nicht sehr bei der Sache, musste sie sich eingestehen. Sie machte sich Sorgen. Willem hatte in der Wohnung den großen Kachelofen gebaut. Gut, die Gemeinde gab Geld zum Material dazu. Und jetzt waren alle Zimmer gleichmäßig warm. Aber der Kachelofen fraß viel Brennmaterial. Kohlen und Briketts wurden gebracht. Aber dann musste Willem sie in den Keller schaufeln und er ließ sich nicht nehmen, sie später zum Heizen heraufzuholen. Nun, der Karli würde größer werden. Dann könnte er seinem Vater die Arbeit abnehmen. Es war kalt in diesem Herbst. Man musste schon heizen. – Auch Feuerholz war in diesem Jahr überreichlich da. Willem hatte es mit dem Bollerwagen aus dem Wald geholt, gespalten und geschichtet. Der Hof war ganz voll davon.

Es würde sogar noch für das nächste Jahr reichen. Er sollte sich wirklich nicht abquälen, dachte sie. – Nun hatte sie nicht mitbekommen, was der Pfarrer noch gesagt hatte. Ihre Gedanken waren fortgelaufen. „Herr, verzeih mir!“, betete sie still. – Der Gottesdienst war vorüber. Die Kinder zogen an ihrem Kleid. Sie drängten hinaus ins Freie. Draußen hatte es gefroren. Auf dem Heimweg fanden sich immer wieder Pfützen, die mit dünnem Eis überzogen waren. Die Kinder sprangen von Pfütze zu Pfütze und zertraten das leise klirrende Eis an den Rändern. Wenn sich eine besonders bizarre Form gebildet hatte, betrachteten sie diese erst einen Moment, bevor sie sie zerstörten. Manchmal gaben sie den Formen einen Namen. Da waren ‚Spitzehausformen‘, die ‚Männleinform‘, der ‚Heuhaufensack‘, der ‚Wurzelstockpalast‘ und viele andere mehr. Lina lachte, als Käthi ausrutschte und auf ihren runden Po fiel. Als sie nach Hause kamen, war der Vater schon weg. Aufs ‚Stück‘ wollte er, hatte er gesagt, weil einige Pflanzen noch vor dem Frost zu schützen gewesen wären. Er wollte sehen, ob ihnen der Frost der letzten Nacht geschadet hatte.

Willem unterdrückte den Hustenanfall, bis er aus dem Dorf war. Dann lehnte er sich an den Stamm eines Obstbaumes, der am Weg stand und überließ sich für eine ihm endlos vorkommende Zeit dem Husten, der ihn schüttelte wie nie zuvor, ihn in sich zusammenbog und lange nicht mehr losließ. Danach versuchte er durchzuatmen. Es stach in den Lungen. Langsam kam er wieder zu sich, straffte sich und versuchte erste, zögernde Schritte vom Baum weg, an den er sich gelehnt hatte, um nicht umzusinken. Er sah um sich. Vor ihm war der Weg, der zum ‚Stück‘ führte und dann in einem Bogen daran vorbei, weit auf die Höhe zur Jammerhecke hinauf. Der neue Bürgermeister wollte dort einen Parkplatz anlegen, damit die Taunuswanderer bis auf die Höhe fahren konnten. Die Bürger hatten sich gewehrt. Die Wegeinfahrt von der Straße aus war weit genug. Es konnten gut vier Autos hintereinander am Wegrand stehen, ohne die andern zu hindern, das sollte genügen, meinten sie. So war alles beim Alten geblieben. Immer noch erfasste die Leute große Trauer, wenn sie an der Stelle vorübergingen. Immer noch erzählten sie sich schaudernd von dem Unglück. Willems Gedanken waren weit weg davon. Er sah auf dem gegenüberliegenden Berg späte Morgennebel wehen, die wie Gespensterfrauen ihre langen, weißen Schleier hinter sich herzogen. Der Himmel war milchig. Komisch, dachte er, wenn es so ist, ist meist kein Frost.

Aber in der Nacht war es wohl kalt und klar gewesen. Der Nebel hinterließ Reif auf den Bäumen und bald sah alles wie gepudert aus. Die starren Gräser, die er mit den Füßen streifte, knisterten. Langsam setzte er Schritt vor Schritt, sorgsam bedacht, sich den Atem so einzuteilen, dass das Stechen in den Lungen nicht zu arg wurde.

Ich werde daran sterben, dachte er sachlich. Ich werde bald sterben. – Am ‚Stück‘ angekommen, setzte er sich auf die Bank vor dem neuen Schuppen. Einen Moment ausruhen wollte er nach der Anstrengung des Aufstiegs. Er sah nach den Pflanzen, die er noch hatte abdecken wollen. Das Tannenreisig hatte ihm der Forstgehilfe wie versprochen nebenhin gelegt. Dankbar dachte er, dass es Leute gäbe, die mitdenken, wenn sie einem was Gutes tun. Der Junge hatte das Reisig so hingelegt, dass er es nur noch zu verteilen hatte. Er erhob sich. Es fiel ihm schwer, sich zu bewegen. Aber er verteilte die Zweige gleichmäßig auf das Beet. Bei der Arbeit wurde ihm wohler. Er dachte an seinen Garten. Als er fertig war, setzte er sich zufrieden wieder auf die Bank und betrachtete sein Stück Land. Die Arbeit vieler Jahre hatte sich gelohnt.

Dann hob er den Blick zum gegenüberliegenden Berghang. Manche Bäume hatten noch ihr Laub, das bunt leuchtete. Die Sonne kämpfte sich langsam durch den Dunst. Als er wieder hustete, spuckte er Blut. Ich werde sterben, dachte er wieder. Und ich hätte noch so gerne mit Lina und den Kindern gelebt. Wie wird es ihnen gehen, wenn ich nicht mehr für sie sorgen kann? Ob Lina nicht zu viel arbeiten muss? – Ein bisschen bekommt sie ja von meiner Rente und für die Kinder habe ich etwas zurückgelegt, nicht viel, aber das kann helfen.

Als er an die Kinder dachte,wurde ihm ganz warm ums Herz. Wie sehr er sie liebte! Das ist schwer, Abschied zu nehmen, wenn man so liebt, dachte er dann. Was hatte der Pfarrer gesagt? Man solle leben im Angesicht des Herrn. Was hatte er gemeint? Wer kann das schon? Sind wir nicht alle arge Sünder? Und wenn man sterben kann im Angesicht des Herrn, wäre das nicht eine größere Gnade? –

Wieder blickte er zum Himmel. Die Dunstwolken hatten sich fast ganz verzogen. Und der Himmel war wie von einem zarten, durchsichtigen Blau. Ich möchte sterben im Angesicht des Herrn, murmelte er vor sich hin und wiederholte es: im Angesicht des Herrn. Er wunderte sich, dass er in der Sonne richtig sehen konnte. Etwas Heißes stieg in seiner Brust hoch, ohne das er sich dessen richtig bewusst wurde. So sehr war er in die Betrachtung der Sonne vertieft. Blut rann über seine Lippen. Aber er schmeckte es nicht. Herr, erbarme Dich meiner. – Ich möchte sterben im Angesicht des Herrn.

Er begann zu beten, während er zur Sonne sah. Plötzlich schienen violette Kreise von ihr auszugehen, die anmutig zu ihm herabschwebten und ihn wärmend zu umfangen schienen. Dann war es dunkel um ihn. Er ging einen langen Gang hinab. Er wusste, er musste ihn gehen. Denn hinter ihm war das Dunkel. Er musste zum Licht. Dabei kam er in einen Raum, der keinen Boden zu haben schien, der aber von einem wunderbaren Licht erfüllt war. „Spring!“, rief ihm eine Stimme zu. Er konnte nicht sehen, wer das zu ihm sagte, aber er sprang. In der Tiefe des Lichtes wurde er aufgefangen und eine Stimme sagte zu ihm: „Warum fürchtest du dich, ich bin doch bei dir, immer und alle Tage.“

Lina hatte das Essen fertig. Wo der Willem nur bleibt? Sie machte sich Sorgen. Er wollte doch nur das Beet zudecken!“ – Der Nachbar kam. Als er hörte, dass Willem noch nicht zurück war, erbot er sich, zu gehen und nachzusehen. – Er brachte Lina die Nachricht vom Tod ihres Mannes.

Heide Elfenbein