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Sonnentag

Melanie betrat das Seniorenheim zur vereinbarten Zeit. Onkel Max legte Wert auf Pünktlichkeit. Im Obergeschoss beugte er sich über das Geländer, sah ihr entgegen, nickte, rieb sich die Hände. In seinen Augen ein Leuchten.

Im weiten Foyer spazierten und saßen Senioren. Ihre Haltung drückte Langeweile aus.  Saßen oder standen, schauten, warteten, dass etwas sich ereigne. Eine zierliche Frau näherte sich seitlich, huschte dicht an Melanie heran. Ein Schwall von Worten entwich ihrem Mund, fragenden, beschwörenden. Habe sie, Melanie, Kinder? Habe sie diese nicht? Nein? Dann wolle sie, die Dame, mit ihr gehen. Ein Haus, Land besitze sie, wolle ihr alles überschreiben. Fort, nur fort, mit ihr!

Melanie legte eine Hand  in eine schmale, gewaltsam wurde sie ihr entrissen, mit tadelnden Sätzen die Dame entfernt. Eine Schwester führte sie davon. Blicke folgten ihnen, senkten sich. Ein Flüstern schwoll an, verebbte. Schritte verliefen sich in langen Fluren. Der Boden glänzte. Eine Uhr an der Wand tickte.

Melanie wandte sich der Treppe zu, dem spähenden Onkel. Auf die Brust schlug er sich. Finger deuteten. Er war ohne Sprache. Es roch nach Essen. Aus Nischen leuchteten Pflanzen. Auch auf dem Flur des Obergeschosses grünte es üppig. Hinter einem Gummibaum trat ein Greis hervor, schlurfte in braunkarierten Filzpantoffeln auf sie zu. Über seiner Schulter verrutscht umhüllte ihn eine graue Wolldecke. Schon hatte er Melanie erreicht, tastete ihre rechte Hand ab, ihr Gesicht. Zog sie nun auf den Boden, flüsterte für sie bestimmt, dort wolle man zelten. Nach dem Zelten werde er sein Matur‘ machen -, und dann …! In seinen Augen – Sommer, bunte Träume!

Onkel Max zeigte eine Faust. Sein Gesicht legte sich in Falten. Auf seiner Stirn stand es verächtlich: Zelten! Mit dem Zeigefinger klopfte er auf die Uhr. Beschwörend schaute er zu Melanie. Sie war sein Gast. Es war Sonnentag, sein Sonnentag! Mit einer Geste bat sie um Geduld. Behutsam sprach sie mit dem Greis am Boden, griff unter seinen Arm, faltete die Decke, spazierte mit ihm in seinen Raum. Versuchte dort, ihn in seinen Sessel zu setzen. Er aber wies auf Kissen, die ihn schmückten, große und kleine. Energisch schüttelte er den Kopf: Nein, dort saßen schon sie, die Schüler, seiner harrend. Stehend wollte er sie unterrichten. Vier Stunden standen jetzt auf seinem Plan. Er hob die Stimme: „Ihr Mädchen und Jungen!“

Onkel Max lugte zur Tür herein, um seinen Mund ein Zucken. Ein behäbige Frau schob ihn zur Seite, drängte in das Zimmer. Hier war sie zuständig. Der Lehrer war ihr Fall. Sie kannte sich aus. Er, jetzt ein Niemand, nicht sich selbst, nicht die Anderen erkennend. Melanie spürte es trocken in ihrem Hals, füllte ein Glas mit Wasser, reichte es dem Greis, der zu dozieren begann. Die fremde Frau griff danach, trank es gurgelnd in sich hinein, wischte sich den Mund: „Prost!“

Onkel Max streckte seine Hand aus. Melanie ergriff sie, zog ihn fort aus dem Raum, die Treppen hinunter, hinaus aus dem Haus. Aufatmend ließ er sich neben ihr auf den Autositz nieder, versuchte es zu formulieren: „Ver-rück-rück-te …!“   Sie lehnte sich zurück, deutete auf den Himmel über ihnen. Große weiße Wolken segelten in Blau. Er rieb sich die Hände: „Son-nen-tag!“

Es waren wenige Autos hunterwegs. Sie fuhr hinaus aus der Stadt, wählte schmalere Straßen, fuhr bald zwischen Wiesen und Wald. Am Wegrand blühten blaue Lupinen, leuchtete roter Mohn. Die Erde ließ wachsen. „Mut – ter-, die Er -de!“ Hoch war das Gras, wogend wie Meer. Von einem Waldparkplatz aus suchten sie einen verschlungenen Pfad, schlenderten in Muse. Onkel Max hob die Hand, lauschte. Ein Kuckuck rief. Es klopfte der Specht. Wie die Vögel sangen! Einer Wurzel lud ein zu längerer Rast. Aus seiner Tasche zog Onkel Max einen Block, einen winzigen Stift, langsam begann er zu schreiben: „Der Wald erzählt. Ich kann es hören. Hören.“ „Hö-ren!“, er formulierte es laut. Auf einem Grashalm balancierte ein brauner Käfer. Seine winzigen Fühler vibrierten. Mit seinen haardünnenBeinen bewegte er sich aufwärts. Ameisen wuselten. Auf dem Sandweg trugen sie Nadeln von Fichten davon. „Und sehn, se – hen!“ Onkel Max sagte es deutlich. Auf seinem Block begann er zu zeichnen: Eine Brombeerblüte, eine Hummel und die Schnecke mit Haus. Über ihnen die Wipfel hoher Bäume, ein Rauschen. „Rau-schen!“ Eine Weihe kreiste. Zwischen Gras am Waldsaum lockte Wiesensalbei, leuchteten Butterblumen, Wegwarte und Mohn. Melanie band einen Strauß, fügte Blumen zu Gräsern und Zweig. Behutsam zeichnete Onkel Max, schrieb auf ein anderes Blatt etwas für sie auf, tippte auf den Strauß: “ Ffürr den Leh-rer!“

Zu späterer Zeit kehrten sie zurück. Schon zeigte sich am Himmel der blasse Mond. Sie erreichten das Heim, die im Foyer Sitzenden, nach innen gewandt den Blick. Münder blieben verschlossen. Der Abend, er brachte keine Überraschungen. Im Obergeschoss, auf dem Flur, hockte der Greis auf der grauen Decke, hob den Kopf, suchte die Augen von Melanie: „Da bist du ja, komm‘, wir wollen zelten. Nach dem Zelten mach‘ ich mein Matur‘!

Melanie ließ sich nieder, breitete Blumen und Duft auf wollenem Grund. Mit schmalen Fingern strich er darüber. In seinen Augen ein Staunen: „Auf unserer Wiese, der ganzen Wiese!

Onkel Max straffte die Schultern. Elastischen Schrittes ging er zu seiner Tür. Bevor er sie hinter sich schloss, winkte er Melanie zu, lächelte: „Sonn-, Son-nen-tag!“

Inge Zahn