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Der königliche Fisch

Es war einmal ein sehr großer See mitten in einem dunklen, dichten Wald. Der See leuchtete heute vielversprechend, glitzerte im warmen Sonnenlicht. Und die Fischer in ihren kleinen Häuschen, die rings um den See lagen, hatten Lust hinunter zum Strand zu gehen, die Boote klar zu machen und hinauszufahren, um einige Fische zum Mittagessen zu fangen.

Beim letzten Mal war der Fang gering ausgefallen. Sie hatten die Beute gerecht geteilt, damit niemand Hunger leiden musste. Heute wollten sie es gemeinsam noch einmal versuchen. Der blaue Himmel und der See versprachen einen guten Fang. Alle wollten aufeinander warten, um nach dem Fang die Fische wieder gerecht zu verteilen. – Sie waren schon weit vom Ufer entfernt, der Himmel verdüsterte sich. Ein starker Wind kam auf, die Wellen schlugen höher und höher. Die Fischerboote wurden auf die Wellenkämme gehoben und dann mit aller Gewalt wieder in die Tiefe gerissen. Wie leichte Schwimmkorken wurden sie auf der Wasseroberfläche hin und her getrieben. Voller Angst rissen die Fischer ihre Ruder herum und wollten so schnell wie möglich zum Hafen zurück, denn mit dem See war an einem Tag wie diesem nicht zu spaßen. So etwas hatten sie noch nie erlebt.  Ohne etwas gefangen zu haben, wurden die Boote schnell an Land gezogen, vertäut, bevor die haushohen Wellen mit großer Wucht an Land klatschten. Und ehe sich das Wasser wieder in den See ergoss, waren schon die nächsten Sturm gepeitschten hohen Wellen an den Strand gebrandet. Es war gut, dass die Seebewohner eine starke Buhne gebaut hatten, so dass die grimmigen Wellenströme schon  vorher gebrochen wurden und das kleine Fischerdorf abgesichert war. Doch wie lange würde diese Buhne die große Wassermassen aufhalten können?

Verängstigt und ratlos saßen die Fischer in einer Kate zusammen, beratschlagten bei heißem Bier und Kautabak was zu tun wäre – und wie die Wassergötter zu besänftigen wären. Sie redeten sich die Köpfe heiß. Aber keiner wusste einen richtigen Rat. So beendeten sie ihre Rat-Sitzung und zogen sich verstimmt in ihre Hütten zurück, wo die Frauen und die vielen Kinder auf sie warteten.

Unruhig schliefen sie in dieser Nacht alle. Der stürmische Wind brauste um die Häuser. Die hohen Wellen klatschten an Buhne und Strand. Das Tosen dieses Unwetters sorgte für Angst, Schrecken und Beklommenheit. Einige Männer bewachten den Strand. Man löste einander ab, versorgte sich mit heißem Bier und trockener Kleidung, um das Unheil in dieser stürmischen Nacht einigermaßen gut zu überstehen.

Am folgenden Tag hatte sich das Wetter wieder beruhigt. Der See lag glatt und blank wie ein Spiegel vor dem Ufer, als wäre nichts geschehen. Die Fischer holten eiligst die Boote aus den sicheren Verstecken, sprangen hinein und ruderten auf den trügerischen See hinaus. Wie sanft er jetzt war! Leise plätscherten kleine Wellen. Man konnte fast bis auf den Grund sehen, doch Fische konnte niemand erspähen. Merkwürdig war das! Und am Ende dieses Tages hatte wieder kein Fisch angebissen. Die Fangnetze der Fischer blieben leer. Auch an diesem Tag würde nichts in der Pfanne braten. Und die Kinder hatten Hunger! –  Die Fischer standen beratschlagend am Ufer zusammen. Einer fehlt noch. Knut, der älteste Fischer aus ihrer Gemeinschaft war noch nicht zurück.  Sie schauten auf den See hinaus, nein, nichts war zu sehen. Voller Sorge schauten sie über die Weite des blendenden Sees. Ihre Augen wanderten bis zum Horizont.“Da, schaut einmal, links unterhalb der Sonne ist ein Punkt zu erkennen. Langsam nähert er sich. Das ist ein Boot. Das ist Knut. Das muss Knut sein. Er kommt nur langsam voran. Sein Boot muss voller Fische sein. Ich fahr‘ hinaus und werde ihm helfen, den Fang zu bergen!“, rief der Fischer Sven. Eilig stieß er sein Boot wieder in das Wasser und ruderte davon. Vom sicheren Ufer aus erkannten die Zurückgebliebenen wie die beiden Boote sich einander näherten. Und sie beobachteten, wie Sven zu Knut in das Boot sprang, wie sich beide bemühten, den offensichtlich schweren Fang in Knuts Boot zu hieven, um sich schließlich gemeinsam  mit dem voll beladenen Boot dem Ufer zu nähern, wo man sie voller Spannung erwartete.  Sie sahen erschöpft aus, als sie das Fischerboot an Land zogen. Die Wartenden beugten sich gespannt über das Boot, in dem jedoch nur ein einziger silbern glänzender Fisch zu sehen war, der indessen sehr schwer zu sein schien. Verwundert schüttelten sie die Köpfe und sahen ihre Mitbrüder mit staunenden Augen an: „Seltsam“, sagte einer von ihnen, „was hat das zu bedeuten?“ Sie bückten sich über den Bootsrand und bildeten eine Kette, um den Fisch gemeinsam an Land zu tragen. Doch er  war zu schwer. Sie schafften es nicht.  Als sie ihn erschrocken betrachteten, öffnete er sein Fischmaul: „Lasst mich frei, werft mich in das Wasser zurück. Jeder von euch darf sich eine Schuppe aus meinem Fischleib reißen. Ich meine, das wäre reichlich genug bezahlt für mein Leben!“ Verblüfft sahen sich die Fischer an. „Was für ein seltsamer Fang. Ein Fisch, der sprechen kann!“, entfuhr es einem. Doch was sollte man tun? „Was haben wir von einer Schuppe, sie geht verloren. Unsere Kinder haben Hunger, die Netze bleiben leer. Wir müssen uns fragen, weshalb das so ist!“, rief ein anderer Fischer erbost. Nach Atem ringend antwortete der schwere Fisch: „Ihr habt all die Jahre zu viel gefangen. Ihr habt mit den kleinen heranwachsenden Fischern, die euch niemand abkaufen wollte, eure Äcker gedüngt. Ihr habt zu viel verkauft. Ihr alle habt von meinem Volk gelebt. Ihr habt euren Fang nicht gewürdigt, ja noch nicht einmal dafür gedankt,  dass jeden Tag etwas auf dem Tisch stand. So kann es nicht weiter gehen. Deshalb haben sich die Fisch zurückgezogen, um euch zu lehren, was Hunger bedeutet. Hunger tut weh. Stimmt es? Warum habt ihr die kleinen Fische nicht zurück in das Wasser geworfen, damit sie wachsen und gedeihen können. Ihr alle war gierig, habt nie genug fangen können. Also werft mich zurück in die Fluten, damit ich mein Volk vor euch schützen kann.“

Beschämt hörten die Fischer diese Rede. Stumm sahen sie einander an. Der große Fisch hatte Recht. Sie alle hatten sich schlecht verhalten. Der alte Knut kaute nachdenklich an seinen Bartspitzen. Betroffen betrachtete er den Fisch: „Du hast Recht!“, sagte er langsam und bedächtig, „weißt du, wir schließen einen Vertrag. Dann kann sich jeder von uns daran halten. Ich schlage vor, du treibst so viel Fische in unsere Netze, dass wir davon leben können. Vielleicht einmal mehr oder weniger, damit auch andere ihren Hunger stillen können. Wir werfen dich zurück in das Wasser. Doch wir lassen dich nicht frei. Wir versilbern deine kostbaren Schuppen, bauen davon eine Brücke zum anderen Ufer, damit wir mit den anderen Menschen dort drüben einen Handel treiben können. Wir lassen eine silberne Kette schmieden und binden dich damit an einem Brückenpfeiler fest.  Du kannst damit schwimmen, so weit  du magst. Aber wir brauchen dich auch dafür, dass kein Mensch vergisst was es bedeutet, maßlos zu sein Sei unser Freund, Fisch, tauche ab und zu einmal auf, damit wir miteinander reden können. Wir Menschen brauchen deine Ratschläge. Denn du weißt, wie die Natur ihr Gleichgewicht behalten kann.“ Kaum hatte er zu Ende gesprochen, brach sich jeder der Fischer eine Silberschuppe aus dem, glänzenden Fischleib. Dann warf man den Fisch zurück in den See. Die Silberschuppen erbrachten so viel Geld, dass eine lange Kette geschmiedet werden konnte. Sogar eine kleine Krone konnte geschmiedet werden.  Und bald kamen viele Menschen über die neue Brücke. Jeder wollte den Kronenfisch sehen. Es dauerte nicht lange, da begann der Wandel einer neuen Zeit.

Die Menschen handelten und tauschten ihre Erzeugnisse. Für selbst gemachte Butter gab es eine Gans. Für Hühnereier erhielt man frisch gefangene Fische. Für die auf einem Webstuhl entstandenen bunten Stoffe erhandelte man einen Zentner Roggen. Der Handel blühte. Manchmal fand ein Fischer nach einer stürmischen Nacht mit hohen aufgepeitschten Wellen auch ein Stück Bernstein, das er seiner Liebsten schenkte.  Die Bewohner an diesem merkwürdigen See hielten sich an die Weisung des Kronenfisches. Sobald sie jedoch übermütig wurden, beschwor der angebundene Fisch ein Unwetter auf. Erst dann wurde den Fischern bewusst, dass sie wieder unvernünftig gehandelt hatten. Der Kronenfisch aber hielt sein Wort. Die Netze der Fischer waren immer  so gefüllt, dass der Hunger gestillt werden konnte.

Es verging eine lange Zeit. Oft saßen die Fischer nach Feierabend am Brückenpfeiler. Dann kam der Kronenfisch geschwommen und erzählte von der großen, weiten Welt,  in der es nicht immer friedlich zuging.  Das stimmte sie zufrieden. Ab und zu gesellte sich ein Fremder zu ihnen, dem es so gefiel an diesem Ort, dass er bis zu seinem Lebensende blieb.

Eines Tages jedoch gerieten die Fischer in Streit. Jeder wollte der Reichste sein. Sie fischten und fischten, bis der trügerische See leer war. Selbst der Kronenfisch lag nicht mehr an seiner Kette. Und dann geschah es, dass ein riesengroßes Unwetter ausbrach. Der See bäumte sich auf, warf die hohen Wellen an Land. Es brauste und dröhnte und stürmte. Es wurde dunkel. Das erzürnte Wasser verschlang das Dorf mit allen seinen Menschen. Danach lag der See wieder still und friedlich, als ob nichts geschehen wäre. Wo das Dorf einst gestanden hatte, kräuselten sich unschuldig kleine Wellen, die sich am Ufer brachen. Die Sonne glitzerte verhalten auf dem Wasser. Und keiner konnte sich später noch daran erinnern, dass hier einmal ein Dorf gestanden hatte.

Manchmal, wenn später ein Boot über das Wasser gerudert wurde, glaubte man einige Male die Kirchglocken unten im See läuten zu hören. Und wenn man sich über den Rand des Bootes beugte, sah man unten im kristallklaren See einen silbrig glänzenden großen Fisch schwimmen, der eine Krone aus Silber trug. Aber – das ist auch schon wieder sehr lange her.