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Absolute Freiheit

Es ist ein wunderschöner Tag im Mai, ein bisschen windig und ca. 20 Grad warm. Ich bin auf Gotland, der größten schwedischen Insel.

Heute habe ich mir die Freiheit genommen NICHT zu arbeiten. Denn es ist Sonntag. Vor einer Woche sind meine Schwester und mein Schwager zu Besuch gekommen, auch um Gotland kennen zu lernen. Bei meinem letzten Heimaturlaub hatte ich die Beiden gebeten, mich einmal zu besuchen. Bei meinen schwedischen Bekannten, Rie und Arne Öberg, hatte ich eine „Sommarstugan“ gemietet. Wunderbar war, dass wir das kleine Motorboot der Öbergs benutzen konnten.

Zum damaligen Zeitpunkt war die Ostsee von der russischen Fangflotte schon fast leer gefischt worden. Wir wollten trotzdem versuchen, noch einige Dorsche zu angeln. Die Dorsche werden mit der ‚Pilka‘ gefangen; einem Gewicht von ca. 150 Gramm mit einem Widerhaken am unteren Ende und einer beliebig langen Angelschnur.

Mein Schwager und ich stiegen in das Boot. Unsere Frauen blieben an Land. Der Wind hatte ein wenig aufgefrischt. Die Wellen waren zwischen 10 cm und 20 cm hoch. Mein Schwager hielt sich schon krampfhaft am Bootsrand fest. Sein Gesicht war zu einer Grimasse verzogen. Er hat Angst, dachte ich und fragte ihn, ob ich ihn zurück an Land bringen solle. Er bejahte dies. Ich fuhr allein zum Angeln. Nachdem ich etwa fünfzehn Minuten hinaus gefahren war, suchte ich mir zwei feste Punkte am Horizont, um nicht die Orientierung zu verlieren. Im Norden bot sich der etwa einhundertzwanzig Meter hohe Kamin der Zementfabrik in Slite an. Im Süden gab der hohe Felsen der Bucht von Katthammarsvik den zweiten Bezugspunkt; der dritte war der Fahnenmast von Botvaldevik.

Das Boot dümpelte antriebslos auf der See. Weit und breit war kein anderes Boot oder Schiff zu sehen. Für die Gotländer war wohl klar, dass bei diesem Wetter kein guter Fang zu erwarten war. Ich versuchte einige Dorsche aus dem Wasser zu ziehen. Es war auf Gotland ein ungeschriebenes Gesetz, dass ein Dorsch, der kleiner war als 30 – 35 cm, wieder in das Wasser gesetzt wurde.

Als nach einer halben Ewigkeit dann endlich ein Widerstand an der Pilkaschnur zu spüren war, zog ich den Fang geschwind an Bord. Wie enttäuscht war ich, als sich der „große Fang“ als kleiner Dorsch von etwa 15 cm Länge zeigte. Vorsichtig befreite ich den Fang vom Haken und warf ihn so weit ich konnte zurück in das Wasser. Der Pilka nahm den gleichen Weg, um nach einer – ich weiß nicht mehr wie lange vergangenen Zeit – wieder mit dem gleichen Ergebnis wie zuvor aus dem Wasser gezogen zu werden.

Also das hatte die russische Fangflotte hinterlassen! Doch ohne Dorsch wollte ich nicht zurück kommen. So warf ich den Pilka wieder in das Wasser. Das Wetter hatte sich gebessert. Der Wind sich etwas gelegt. Die Sonne schickte ab und zu einen Strahl herunter auf die Wasseroberfläche. Die winzigen Wassertröpfchen wirkten wie ein Prisma und ließen wunderschöne kleine Regenbögen entstehen. Ich geriet ins Träumen und erinnerte mich an ein Erlebnis in Finnland zur Mittsommernacht.

Mein finnischer Ansprechpartner hatte mich zu einer Bootsfahrt eingeladen. Sie sollte um 22.00 Uhr beginnen. Damals war die Ostsee spiegelblank. Auch an jenem Abend war kein anderes Boot zu sehen oder zu hören. Es war eine schöne Erinnerung. Sie wurde durch das Rucken der Pilkaschnur unterbrochen. Eilig holte ich die Schnur ein und war gespannt auf den Fang. Es war ziemlich wenig Widerstand zu spüren, kein gutes Zeichen. Meine Ahnung hatte mich nicht betrogen. Doch diesen Dorsch wollte ich auf alle Fälle mitnehmen, um wenigstens EINEN vorweisen zu können.

Wieder warf ich den Pilka ins Wasser. Ich hatte Glück, der Fang war ca. 40 cm lang und wog gut 1,5 bis 1,6 kg. Noch einmal versuchte ich es erneut, mit Erfolg. Ein Dorsch, der auch bei normalem Fischbestand nicht wieder in das Wasser geworfen worden wäre, hatte angebissen.

Da diese Ausbeute für ein Abendessen ausreichte, machte ich mich auf den Rückweg. Ich hielt Ausschau nach meinen Orientierungspunkten und startete den Außenbordmotor. Zügig ging es in Richtung Land. Es dauerte eine gute halbe Stunde, bis ich am Anlegesteg ankam. Von meinen Leuten war nichts zu sehen. Nachdem ich ausgestiegen war und das Boot festgemacht hatte, schaute ich mich um und sah auf dem Boden eine Menge kleiner Steine liegen. Näher kommend sah ich: es war eine Nachricht für mich:

„WO BLEIBST DU?“

Nun erst schaute ich auf meine Uhr. Ich hatte sie vor meiner Bootsfahrt in meine Jacke gesteckt, damit sie nicht nass wurde. Es war 17.00 Uhr. – Da hörte ich auch schon ein Motorengeräusch und sah das Auto meiner Schwester um die Kurve biegen. Mit einem vorwurfsvollen Blick sah sie mich an und sagte: „Wir wussten nicht, was wir machen sollten und sind schon einmal gegangen. Wir hatten keine Ahnung, wann du zurück kommen würdest. Wir haben uns Sorgen gemacht; aber helfen hätten wir doch nicht können.“

Ich schaute sie etwas zerknirscht an. Doch für mich dachte ich: Diese Bootsfahrt war die

ABSOLUTE FREIHEIT!

Und so denke ich auch heute noch, obwohl mir klar ist, in welche missliche Situation ich meine Angehörigen gebracht hatte. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur sagen: Mir ist die Zeit wie im Fluge vergangen!

Walter Meister