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Johnny

Voll steht der Mond hinter hellen Wolkenschleiern. Starke Äste eines Baumes durchkreuzen dieses Bild. Seine Zweige bewegen sich im Wind und machen das Leuchten des Mondes zu einem lichten Verwirrspiel am nächtlichen Himmel.

Was fehlt an diesem Bild ist das Wasser der Tepl, so wie damals. Einen Augenblick erinnere ich mich an ein bestimmtes Erlebnis in Karlsbad, bevor sich das Tor zum Jazz-Keller in Steinbach öffnet.

Ein schwerer Dunst aus der Tiefe wie alter Wein, gemischt mit Tabakrauch und Staub, der an graue, dahinhuschende Mäuse erinnert, nimmt mir fast den Atem. Meine Augen suchen einen Halt im Bereich der breiten Treppe, die gefährlich steil nach unten führt. Am liebsten würde ich umkehren und wieder hinaus in die angenehme kühle Nachtluft laufen.

„Halte dich bitte fest am Geländer!“, sagt mein Mann. Ich bin nicht allein. – Unten, ganz tief unten, endet die fürchterliche Treppe in einem ehemaligen Weinkeller. Hier steht oder sitzt das leger gekleidete Publikum. Lachend, im Rhythmus der Musik das Glas in der Hand wiegend, applaudiert es, wenn dem Solisten mit der Klarinette ein fantastisches Jazzsolo gelingt. Ist das Johnny? In dem trüben Licht, vermischt mit bläulichem Zigarettenrauch, ist es schwierig, jemand zu erkennen. Ja! Er ist es!

Mir war bekannt, dass er schon lange nach Baden-Baden zurückgekehrt war. Wann aber, so sinniere ich, waren seine großen Orchesterreisen durch Europa mit Kurt Edelhagen? Wann die Tourneen mit dem SWF-Tanzorchester Rolf-Hans Müller nach Asien und Amerika? Während ich an meinem Arbeitstisch saß, malte und Märchen schrieb, spielte er mit Hugo Strasser, Max Gregor, Maynard Ferguson, Chet Baker und Colman Hawkins. Oh Johnny, ich wusste von all dem nichts.

Sein Solo ist wie der Schrei eines verwundeten Tieres. Er bläst ihn in die schwüle Luft hinein, weit über die Köpfe der Jazzfans hinweg. Ist das wirklich Johnny? Aber ja, nur er kann so spielen! Sein Sound berührt mich, ich weiß um die raffinierten Wechsel, wenn er plötzlich weich und zart wird wie eine Hand voll Todessehnsucht. Alle, die hier gedrängt um das Podium stehen, so dicht, dass die Füße kaum mehr Platz finden, kennen ihn, lieben ihn und rufen begeistert seinen Namen.

Er sieht uns, unterbricht sein Spiel und hält die schwarz und silbern blinkende Klarinette mit einem lachenden Gruß in die Höhe. D i e s e Klarinette, eines der vielen Instrumente, die er meisterhaft beherrscht! Johnny bahnt sich einen Weg durch die Trinkenden, die Lachenden, die ihn alle so mögen, wie er ist, zu uns, dieses verschmitzte breite Lächeln, diese jungenhafte Freude in seinen Augen, die heute tausend Fältchen umrahmen.

Auf einer hölzernen Empore hat er Plätze für uns reserviert. Außer meinem Mann ist noch Christel dabei. Sie ist Journalistin und hat das Treffen arrangiert. Das frische Bier in den bauchigen Gläsern lädt zum Trinken ein.

„Johnny, spiel, lass dich nicht stören!“, mahne ich ihn. Johnny winkt ab. Ich spüre seine Freude, mich nach langer Zeit wieder zu sehen. Obwohl ein halbes Jahrhundert vergangen ist, hat sein Spiel in mir Erinnerungen an die Vergangenheit geweckt. – Als ich ihn das letzte Mal in Karlsbad sah, wirkte er so fremd auf mich, so ernst, wie ich ihn gar nicht kannte. Es war in den ersten Tagen nach Kriegsende. Die Stadt war in Wirrnis und die Menschen in Aufregung, weil die russische Armee, von Prag kommend, in Karlsbad einzog.

„Lassen Sie Edith mitgehen!“, bat er meine Eltern. „Wir sind zu dritt. Wir kommen duch. Wir kennen den Weg über die Grenze.“ Damals wusste man es noch nicht genau, ahnte aber, was auf uns zukommen würde. Noch gab es keine richtigen Grenzen und keine absolute Notwendigkeit, die Stadt, das Land zu verlassen. Aber manche, so wurde in Angst geflüstert, hatte man schon dazu gezwungen.

Mein Vater lehnte ab: „Nein, sie bleibt bei uns!“ Ich verstand ihn ja. Er hatte Angst um mich. Noch in derselben Nacht wollte Johnny über die Grenze gehen. Und so habe ich ihn lange nicht gesehen. Es waren inzwischen Jahrzehnte vergangen. In dieser Zeit habe ich oft an ihn gedacht. Er war der Letzte von unserer Band, der noch zu Hause war. Johnny studierte in Prag Musik. In den Semesterferien sahen wir uns. Wo immer die anderen waren, als blutjunge Soldaten an der Front, in Russland oder sonstwo – ich wusste es nicht.    „Wir sind übrig geblieben!“, sagte ich damals. Johnny schwieg und nickte nur.

Im letzten Kriegsjahr füllte sich Karlsbad mit verwundeten Soldaten. Viele Hotels hatte man in Lazarette umgewandelt. Auch in den eleganten Kurvillen standen Krankenbetten. Man sah die Verwundeten mit bandagierten Kopf oder Gliedmaßen in Gips ein- und ausgehen. Langsam und vorsichtig versuchte sich mancher mit Krücken auf Gehsteigen zu bewegen, den Blick krampfhaft nach unten gewandt, wo der Fuß sich steif im Gipsverband auf einen Metallbügel stützte.

Die Verwundeten sollten wenigstens für Stunden ihre Schmerzen vergessen. Sie aufzuheitern, war die Aufgabe unserer Band gewesen.In den letzten Monaten des Krieges waren Johnny und ich die letzten der Band, die im Loib, im Imperial oder im Bellevue für ein bisschen musikalische Unterhaltung sorgten. Mit unseren Akkordeons spielten wir abends in den Lazaretten für verwundete Soldaten. Ich war keinesfalls so begabt wie Johnny! Es fiel mir auch nicht leicht, ohne Noten zu spielen. Johnny half mir mit seinem strahlenden Optimismus.

„Hab doch kein solches Lampenfieber! Spiele einfach; ich bin ja dabei!“, sagte er, mir Mut machend, wenn ich von meiner Angst sprach, ohne Noten, mitten in einem Stück eventuell stecken zu bleiben. Alles, was ich spielte, unterstrich Johnny mit kunstvollen Variationen. Unter anderem gehörten auch die Tanzenden Finger zu unserem Repertoire. Wir fühlten uns damals sehr zusammengehörig. Diese feine innere Einstellung zueinander ist mir nie abhanden gekommen. Ich glaube, dass es ihm heute auch noch in gleicher Weise ergeht.

Auf Johnny flogen die Mädchen wie die Bienen auf einen Honigtopf. Was, so fragte ich mich, war eigentlich das Anziehende an ihm, das ihn so unwiderstehlich machte? Ich konnte es damals nicht ergründen. Wir waren beide so jung, so unwissend, so vernarrt in die Musik, aber keine Sekunde weder er in mich, noch ich in ihn.

Ich schwärmte für dunkel, groß, schlank mit einem Touch ins Geheimnisvolle, auch verwegen Abenteuerliche. Johnny war nur ein paar Zentimeter größer als ich und blond. Keinesfalls hatte er etwas Geheimnisumwobenes in seinem Wesen, war ganz einfach der heitere, erzählfreudige Kumpel mit einem unnachahmlich lustig-frechen Heinz-Rühmann-Grinsen. Das mag es wohl auch gewesen sein! Dieser temperamentvolle Ausdruck von Lebensfreude und Selbstbewusstsein, so quasi: mir kann keiner, bewirkte, dass ihm so manches Mädchenherz zuflog.

Johnny war immer bereit, sich zu verlieben. Wenn er mir von seiner neuesten Eroberung berichtete und in höchsten Tönen von dem Mädchen schwärmte, konnte ich mir nicht vorstellen, wie man solche Gefühlswallungen verkraften kann. Johnny konnte es und besitzt noch heute ein enormes Gedächtnis für die Namen der Mädchen, die mir erst mit seiner Hilfe wieder einfallen.

„Weißt du noch? Kannst du dich erinnern? Sie hatte so seidig langes Haar und blond … ganz hell …“ – Und dann stellt Johnny all seine Angebeteten noch einmal ins Licht, das doch längst erloschen sein müssste! Nein, Johnny liebt sie noch alle – bis auf eine. Als ich ihren Namen nenne, wird Johnny blass und sagt gequält: „Hör bitte auf!“

Sie war klein und recht mollig. Auch sie war wie wir zur Soldatenbetreuung eingesetzt. Man stellte immer ein vielseitiges Programm mit Tanz, Gesang und Musik zusammen. Ihr Gesangsvortrag kam meistens nach unserem Auftritt. Dann stand sie ungemein selbstsicher auf der Bühne und sang mit ihrer Kinderstimme, die nie abkippte: „Ich wünsch mir eine kleine Ursula.“ Dabei trampelte sie mit ihren Füßen über die Bretter, die – so wollte es wohl ihre Mutter, die sie am Klavier begleitete – einmal die Welt für sie bedeuten sollten. Ich könnte mir, falls sie nicht in den Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit irgendwie untergegangen ist, vorstellen, dass eine Karriere auf sie wartete, denn sie hatte unbedingt Talent und das Geschick, es auch voll einzusetzen.

Wenn wir ihr bei unseren Shownummern begegneten, rollte sie wie eine kleine Kugel sofort auf Johnny zu, verschlang ihn verzückt mit ihren blauen Puppenaugen und ließ es ihn eindeutig wissen, dass sie wahnsinnig in ihn verliebt war.

Einmal, nach unserem Auftritt passierte es dann, dass beide ausflippten, denn Johnny, vielen schönen Mädchen sehr zugetan, konnte diese verrückte Urschel, wie er sich ausdrückte, partout nicht leiden. Wir spielten zum Schluss unseres Repertoires Ungarische Weisen, zogen uns dann zurück in den kleinen Raum, in dem wir unsere Instrumente hatten, hörten das Geplärr von den Wünschen der kleinen Ursula – und dann war es still.

„Sie kommt!“, schrie Johnny plötzlich, sprang auf und schaute sich verstört um. Er lief zum Fenster, riss es auf, schwang sich hinaus, rannte über die Straße in den Park und versteckte sich dort hinter Büschen. Sekunden später kam die kleine Diva, wenn ich Johnnys Urschel so nennen darf, ins Zimmer und säuselte: „Wo ist Johnnylein?“ Sie sah das offene Fenster – und hopp war sie, behänder, als ich es ihr zugetraut hätte, von der Fensterbank ins Freie gesprungen.

Ich musste laut lachen, aber ich glaube, Johnny hatte nichts zu lachen. Es war wie im Theater. Eine wundervolle Komödie, aber nicht für Johnny! Wie er mit der wilden Biene fertig geworden ist, habe ich bis heute nicht erfahren. Es ist und bleibt Johnnys Geheimnis.
Johnny verließ Karlsbad. Ich blieb noch ein ganzes Jahr. Lange Zeit hörten wir nichts voneinander. Durch Zufall erfuhr er meine Adresse. Erst viele Jahre später sahen wir uns wieder. Doch da war Johnny mit seiner großen Begabung schon ein hervorragender Solist auf verschiedenen Instrumenten geworden.

In den Gesprächen bei unserem ersten Zusammentreffen kamen wir darauf, dass sich ein von ihm vor vierzig Jahren gegebenes Versprechen jetzt wirklich erfüllen sollte.

An einem Abend, nachdem wir in einem Lazarett gespielt hatten, war es später als sonst geworden. Johnny brachte mich samt meinem Akkordeon nach Hause. Es war eine helle Mondnacht. Als wir über die Sprudelbrücke schlenderten, stellte Johnny mein Akkordeon ab. Und wir lehnten uns an das eiserne Geländer. Das Wasser der Tepl glänzte im Mondschein wie flüssiges Silber. Hätten wir mehr für einander empfunden als Freundschaft, wäre es sicher zu einer zärtlichen Umarmung gekommen. Aber da gab es etwas ganz anderes, das uns weit mehr interessierte:

„Ich glaube“, sagte ich, und es war mir nicht klar, ob es meine Worte waren oder die einer inneren, fremden Stimme in mir: „Ich werde einmal Märchen schreiben.“ Das Wasser der Tepl floss leise rauschend unter der Brücke hindurch. Und von der Maria-Magdalenen-Kirche her kamen zwölf einsame Glockenschläge. „Wenn du einmal Märchen für die Bühne schreibst“, antwortete Johnny, und daran konnte er sich nach so vielen Jahren genauso erinnern wie ich, „dann komponiere ich die Musik dazu.“

Ich habe Märchen geschrieben. Einige davon für die Bühne. Johnny hat sein Versprechen gehalten. Am 4. Dezember 1991 standen wir beide im dunklen Zuschauerraum des Bad Homburger Kurtheaters. Der dunkelrote Vorhang war noch geschlossen. Die Ouvertüre zu meinem Märchenmusical Erklitt, der Eiskobold erklang. Es waren Johnnys Melodien. Als ich sie hörte, wusste ich plötzlich, dass es der Zauber der Musik war, weshalb so viele Mädchen in ihn verliebt waren.

Entnommen aus dem Buch: „Auf Treppen träumen“, Seiten 77-83, Husum Verlag, Husum, 1. Auflage 2000, ISBN 9 783880429574 – Euro 6.95