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Geheime Pforte

Eine phantastische Impression
von Gabriele Böhning

Es war in der Bretagne, jenem geheimnisvollen zauberhaften Landstrich im Norden Frankreichs, von dem gesagt wird, hier irgendwo liege der Eingang zu dem unterirdischen Reich der Verstorbenen, dem Hades, wie die Griechen ihn nannten.

Die wilde, herbe Schönheit dieser dramatischen Landschaft zieht entweder unentrinnbar in ihren Bann oder stößt ab. Gleichgültig lässt sie keinen. Eindeutig heiter ist das Wetter selten. Und selbst wenn der Himmel sein verbindlichstes Blau präsentiert, so zeugen doch die schwarzen scharfkantigen Erhebungen im Wasser, die die Ebbe für wenige Stunden als kleine begehbare, hauptsächlich aber von den Seevögeln als Ruhestätte genutzte Inseln freigibt, von den stetigen Kämpfen zwischen Meer und Eiland.

Bizarr, von düsterer Faszination erheben sie sich wie Meilensteine aus diesem Element, das sie einst geboren. Weite Teile der Küste haben diese eigenwilligen Erhebungen im Wasser, die zum Träumen verführen und zu melancholischen Gedankenflügen. – Ein Ort aber ist von einem unvergleichlichen Geheimnis umgeben. Besser gesagt seine Küste, die die schönsten, nicht von Menschenhand geschaffenen Steinskulpturen bereit hält.

Oder vielleicht hat sie ja doch einmal ein Riese in grauer Vorzeit in übermütigem Spiel geschaffen. Sie gesammelt, in bizarren Formen zu Türmen oder Toren aufgehäuft, um sie dann achtlos liegen zu lassen.

Oder möglicherweise handelt es sich auch in Wahrheit um versteinerte Wesen, die ein böser Zauberer in diese starre Form gebannt hat, weil sie ihm nicht willfährig waren.

Es kann natürlich auch sein, dass Ebbe und Flut die Künstler waren, die in unermüdlicher und doch leichter, weil selbstverständlicher Arbeit – diese glatten Leiber mit ihren breiten Mäulern und den fragenden Augen schufen.Vielleicht aber auch hatten die leidenschaftlichen Wellen Spaß an diesem Spiel und freuten sich, als sie sahen, dass ihr Werk gelang – bis zur Vollendung.

Hier an der Küste von Trégastel – die Steine unter den Füßen spürend, die Augen sich festsaugend an den  monumentalen Schöpfungen; hier spürt man sie  –  die Vibration. Das Geheimnis . . .

Hier könnte sie in der Tat sein, die undichte Stelle, die Pforte in ein anderes Reich, das wir nicht kennen. Es ist aufregend  an diesem Platz. Eine Aufgewühltheit ungekannten Ausmaßes bemächtigte sich meiner. Es war wie eine Sucht, was zuerst nur wie ein heiteres Spiel begann: Sie zu sehen. Sie zu erkennen – die vielen, vielen Gesichter. Verborgen im Stein. Sich erst offenbarend, wenn man bereit war. Hier ein Paar im Profil, dessen Lippen sich berühren, dort ein eindrucksvolles Männergesicht mit einer markanten Nase – und dort und dort . .

Es nahm einfach kein Ende. Wie ein Zauberreich, das längst Besitz ergriffen hatte, von dem, der seinen Schritt hinein gelenkt hatte – nicht wissend, welches Wagnis er einging . . .

aus: Das Lächeln des Wanderers, Scheffler-Verlag