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Eine Straßenszene

Die Verkehrsampel stand für die Fußgänger auf rot. Die Menschen drängten sich zusammen und warteten ungeduldig. In dem Augenblick, als sich in einiger Entfernung nur ein Auto zeigte, löste sich von der einen Straßenseite ein junger Mann und rannte zur anderen, doch als er den anderen Gehweg betreten wollte, stieß ihm jemand mit beiden Händen so gegen die Brust, dass er rücklings auf die Fahrbahn flog. Ehe er sich aber erheben konnte – die Leute, hauptsächlich die Frauen, schrien auf -, rollte das Auto über ihn hinweg und ließ einen entstellten Körper in einer sich rasch vergrößernden Blutlache zurück.
Die Menschen strömten auf die Straße, umringten den Toten und den Mann, der ihn auf  die Straße geworfen hatte, sprachen auf ihn ein und redeten wild durcheinander.
Der Fahrer des Wagens, blass und außer sich, erreichte ihn nur mit Mühe. Er packte ihn an den Jackettaufschlägen und schrie ihm ins Gesicht: „Warum haben Sie ihn denn auf die Straße geschmissen?“ Der Mann antwortete ihm nach kurzem Schweigen, unwillig: „Er hat gegen das Gesetz verstoßen.“

Rainer Sibold © aus: Ein Blatt Papier