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Fantasie

Um eine Geschichte zu beginnen, bedarf es zunächst einmal einer gewissen Vorstellung, worüber diese etwas erzählen oder berichten soll. Die folgende Geschichte ist ein Mischung aus Wirklichkeit und Traum. Oder vielleicht doch nur Wirklichkeit, nur Traum? Nun bin ich schon wieder etwas unsicher geworden. Ich hatte doch ganz fest angenommen, in der Zwischenzeit sei alles geklärt! – Ich werde die Begebenheit einfach schildern und es dem Urteil des Lesers überlassen, ob sie wahr sein könnte, oder nur in meiner Einbildung existiert:

Vor drei Tagen sind wir zu einer kleinen Rundreise von Mexiko Stadt aufgebrochen.  Wir wollten durch den nördlicheren Teil Mexikos über Queretaro, Salamanca, Guadalajara und Colima den Pazifik hinunter bis nach Acapulco fahren, dann nach Tasco und – natürlich – über Cuernavaca wieder nach Mexiko, DF Districto Federal. Wir, das sind Theo, Hans und ich: Arbeitskollegen. Mein Name ist Armin.

Der dritte Tag unserer Reise  begann mit einem reichhaltigen Frühstück. Es bestand aus viel Obst, jeder Menge Kaffee und Orangensaft. Wir waren in Playa Azul und hatten eine wunderbare Panoramafahrt hinter uns. Am späten Vormittag brachen wir auf und peilten Acapulco an. Die Strecke  als Straße zu bezeichnen wäre geschmeichelt. Sie führte abenteuerlich direkt am Pazifik entlang. Das Wasser wechselte stetig die Farbe.  Alle Blaufarben lockten, bis hin zum dunkelsten Grün. Wir fuhren in einer Entfernung von zwanzig  bis dreißig  Meter am Wasser entlang und befanden uns nach einer guten halben Stunde wieder auf sechshundert Meter Höhe über dem Meeresspiegel.  Der Blick war immer wieder atemberaubend. Es schien uns, als sähen wir unbehindert bis auf den Grund des Meeres. Wir erspähten, wie ich vermutete, Haie, die fast bis an das Ufer heran kamen, bevor sie wieder auf das offene Meer hinaus schwammen.

Als wir wieder einmal direkt am Ufer des Pazifik waren, legten wir eine Rast ein. Wie viel Zeit vergangen war, weiß ich nicht mehr. Jedenfalls hatte eine größere Jacht in einiger Entfernung vom Ufer  aus Anker geworfen. Auf dem Deck standen zwei Personen und winkten uns zu. Wir winkten zurück und sahen dann zu unserem Erstaunen, wie ein Beiboot zu Wasser gelassen wurde, die beiden Personen einstiegen und das Boot genau auf uns zukam.

Als der Bootsrumpf den Boden berührte, wurde ein Anker ins Wasser geworfen . Die zwei Personen, ein Mann und eine Frau, sprangen ins Wasser und kamen auf uns zu. „Buenos dias hombres, que tal?“ riefen sie uns zu. „Buenos dias!“, erwiderten wir den Gruß. „Womit können wir helfen?“ „Ihr braucht uns nicht zu helfen. Wir möchten euch zu einer kleinen Spazierfahrt auf unserem Schiff einladen!“

Die beiden Personen waren mittleren Alters und sahen nicht so aus, als führten sie etwas Böses im Schilde. Wir schauten uns kurz an und Theo nahm in unserem Namen dankend an. Wir hatten Zeit genug und konnten unsere kleine Reise ja abkürzen. Also stiegen wir gemeinsam ins Boot, fuhren zur Jacht  und kletterten das Fallreep hoch. An Deck angekommen, standen wir drei weiteren Personen gegenüber, die uns anlachten und herzlich begrüßten. Ich konnte das alles gar nicht richtig begreifen: Wildfremde Leute luden uns zu sich auf ihre Jacht ein, um eine kleine Spazierfahrt auf dem Pazifik mit uns zu machen! Ich hatte geglaubt, so etwas gäbe es nur im Märchen. Und so kam es mir auch vor!

In der Zwischenzeit hatten wir uns miteinander bekannt gemacht und folgten unseren Gastgebern unter Deck. Leise, einschmeichelnde mexikanische Volksmusik erfüllte den Raum. Eine junge Frau, die mich an eine Bekannte erinnerte, bat uns Platz zu nehmen. Als Willkommensgruß reichte sie uns  lächelnd smaragdfarbene Kugeln, die von einer leichten Zuckerschicht umschlossen waren. Ich bemerkte, dass die kleinen Kugeln aus einer gelatinösen Substanz waren. Sie hatte einen undefinierbaren, süßlichschweren, angenehmen Geschmack, der den Wunsch nach „mehr“ aufkommen ließ. Sofort bat ich um eine weitere kleine Kugel und bekam diese auch lächelnd gereicht.

Während sich die Jacht in Bewegung setzte, wurden wir nun in das untere Deck geführt. Überrascht sah ich, dass der Boden der Jacht aus Glas oder einem glasartigen Material bestand. Ich erinnere mich, dass diese Art Boot als Touristenattraktion eingesetzt wurde, um die Unterwasserwelt sehen zu können. In einer Jacht hatte ich so etwas allerdings nicht vermutet. – Die Jacht glitt auf mittlerer Fahrt dahin und präsentierte uns eine faszinierende Welt unter Wasser.

Irgendwann sah ich einen länglichen Schatten auf uns zukommen. Der Schatten wurde größer und entpuppte sich als Hai.  Und ich erkannte, das, was wir aus sechshundert Meter Höhe gesehen hatten, musste auch auch ein Hai gewesen sein! Doch der Pazifik  hatte mehr zu bieten. Es war wunderbar. Der Meeresboden schimmerte in abertausend Farben. Fischschwärme waren auf Nahrungssuche.

Was für ein exotischer Anblick! Dazu erklang nun aus verborgenen Lautsprechern  „El Rey“, „Der König“, mein Lieblingslied. Und dann wurde es plötzlich dunkel um mich.

Als ich wieder zur mir kam, lag ich in einem Bett in ungewohnter Umgebung. Hans und Theo beugten sich über mich und sagten: „Hach, er ist von den Toten wieder auferstanden. Wurde auch langsam Zeit. Wir müssen weiter. Die Arbeit wartet!“ „Was ist mit mir geschehen?“, fragte ich noch ein wenig benommen. „Was passiert ist,  können wir dir wohl sagen: Du konntest den Hals ja nicht voll genug bekommen. War ja auch verführerisch, nicht wahr? Hast du nicht gemerkt, was es mit diesen Kügelchen auf sich hatte? Natürlich nicht! Du hast solche Erfahrung ja noch nie gemacht Aber einmal ist eben  immer das erste Mal. Nun weißt du, wie es ist, wenn man zu viel von etwas nimmt, das einem unbekannt ist. Ja, du hast etwas zu viel Haschisch genommen und bist ins Land des Vergessens abgetaucht. Wir hoffen, du hattest gute Träume und . . .“

Den Rest hörte ich nicht mehr. Ich war wieder ins Reich der Träume geglitten.

Als ich später langsam  wach wurde und mich zu orientieren versuchte, sah ich in die Augen Juanitas, der uns zugeteilten Sekretärin. „Hallo Juanita, was machst du hier und wo bin ich?“, wollte ich wissen.

„Das ist eine längere Geschichte und die ist etwas kompliziert. Du bist übrigens in deinem Appartement. Der Arzt hat dir Ruhe verordnet. Was passiert ist, kann ich dir leider nicht sagen. Ich weiß es selbst nicht.“

„Haben Theo und Hans nicht erzählt, was passiert ist?“ „Theo und Hans sagen nichts. Sie wollen nicht darüber reden!“ „Das verstehe ich nicht. Es kann doch wohl nicht schlimm sein. Wo sind die beiden?“ Sie arbeiten noch, warten bis ich zurück bin und ihnen sage, dass du wach bist. Dann wollen sie dich besuchen. Vielleicht sagen sie dir ja, was passiert ist. Ich mache mich jetzt auf den Weg. Gute Besserung und –  bis bald!“

Sie stand nach diesen Worten auf und ich war wieder allein. Das war eine komische Sache. Was hatte das alles zu bedeuten? Was war denn so geheimnisvoll, dass man darüber nicht sprechen wollte oder durfte?  Doch ich beruhigte mich mit dem Gedanken, dass ich alles erfahren würde, sobald Hans und Theo bei mir sein würden.

Als es nach einer Weile schellte, öffnete ich und sah mich Hans und Theo gegenüber. „Hallo, kommt rein. Ich platze vor Neugier. Erzählt mir, was passiert ist!“ Die beiden setzten sich. Ich brachte ihnen etwas zu trinken und setzte mich erwartungsvoll zu ihnen.

„Armin“, begann Theo, „da gibt es nichts zu erzählen. Oder anders gesagt: Wir haben uns entschlossen, nichts zu sagen. Wir können dir jedoch versichern, dass du nichts angestellt hast und sonst alles in Ordnung ist. Wir bitten dich, das zu akzeptieren. Okay?“

„Ich kann mich diesen Worten nur anschließen“, ergänzte Hans. „Es war alles prima, bis, ja bis . . . aber das braucht dich wirklich nicht zu beunruhigen. Es ist alles in Ordnung. Erhole dich und komm dann zur Arbeit. Die Kollegen erwarten dich schon ungeduldig.“

Das war alles, was ich aus den beiden Kollegen heraus bekam. Einige Male habe ich noch versucht, etwas zu erfahren. Doch alles Fragen war erfolglos. Weder Theo noch Hans redeten über die Sache. Und nun weiß ich nicht, was wirklich geschah, oder sich nur in meiner Fantasie abspielte. Eigentlich ist es egal, ob ich es in Wirklichkeit erlebte oder einen Traum  hatte. Denn etwas Geheimnisvolles stärkte mich auf seltsame Weise.  Allerdings stelle  ich mir die Frage, ob ich je wieder  eine mir unbekannte Süßigkeit so arglos  und mit soviel Appetit verzehren würde.

Walter Meister