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Ein sonderbarer Leichenschmaus

Er schwenkte einen Brief in der Hand, einen Brief mit Trauerrand. Der kurzat-mige Postbote schwitzte und stöhnte. Es war ein glühend heißer Augusttag. Eine steile Sonne brannte auf die Felder. Die Ernte war in vollem Gange.

„Erbarmung!“, rief die Bäuerin, und setzte sich auf den nächsten Stuhl in der Küche. „Mein je, mein je“, jammerte sie, „wer ist denn nu gestorben, jetzt mitten in der Erntezeit, da werden doch alle Hände auf dem Feld gebraucht. Wer wird das wohl sein? Der Max, der immer mit seinem Motorrad wie ein Dreibastiger um die Ecken fährt, und einen so verschuchert. Oder sind die jungen Pferde durchgegangen bei Onkel Willi? Es kann aber auch jemand vom Erntewagen herunter gefallen sein, weil die Bremsen ihn so gepiesackt haben. Ach ja, es gibt so viele Möglichkeiten in der Landwirtschaft, sich den Kopf einzurennen. Nur in der Augustzeit zu sterben, das ist unpassend. Aber das ist dem Tod völlig egal, der kommt, wenn es ihm passt!“

Schließlich besann sie sich, dachte an ihr gastfreundliches Haus, und der Postbote, der es sich auf einem Stuhl bequem gemacht hatte, bekam erst ein Glas Buttermilch zur Erfrischung. Aber man sah es dem Unglücksboten an: eigentlich hatte er ein Schnäpschen erwartet. Aufseufzend und argwöhnisch beobachtete er die Bäuerin und wartete darauf, dass ihr noch etwas einfiel. Na ja, dachte er bei sich, wird schon noch werden. Er wusste natürlich, wer das Zeitliche gesegnet hatte. Er kannte den Überbringer des Briefes, der hatte es ihm anvertraut. – Er rutschte auf seinem Stuhl unruhig hin und her. Und endlich schenkte ihm die Bäuerin doch das erwartete Körnchen ein. Und noch eines für den langen staubigen Weg, denn der Durst sei groß, meinte sie. Und dann machte sie den Brief auf.

„Ach herrje“, jammerte sie, „Onkel Heinrich ist gestorben, und am Sonnabend ist schon Beerdigung!“ „Ja, Madame, eigentlich wollt‘ ich’s dir schon sagen, wer da nu gestorben ist, aber du solltest es schon selber lesen. Denn sonst heißt es, ich würde wie ein altes Tratschweib alles herumerzählen. Ich bin doch ein postalischer Geheimnisträger.“ Verschmitzt lachend schaute er zur Bäuerin, die für ihn gerade mit einer dicken Scheibe Speck das Brot belegte. Er verstaute es in der riesigen, ledernen Posttasche, schielte noch nach der Flasche Korn. Zu gerne hätte er noch ein Gläschen davon gehabt, und sagte noch: „Was meinst, Madamchen, das wird ja nu wohl ne großartige Beerdigung geben. Wer da alles zu dieser Familie gehört! Nu ja, denn werd ich mal weiter gehen, andere Leutchen wollen auch noch ihr Briefchen haben.“ Langsam knöpfte er seine Dienstuniform zu, stieg auf sein Fahrrad und war bald in der nächsten Kurve verschwunden.

Am Abendbrottisch wurde dieses unglückliche Ereignis mit der Familie besprochen, beraten, wer nun zur Beerdigung alles mitfahre oder zu Hause bleibe. Denn die Tiere mussten versorgt werden. Auf einem Bauernhof ist das die wichtigste Arbeit. „Eigentlich ist keine Zeit, nicht zu so was“, sagte der Bauer. „Der Roggen muss noch eingefahren werden, hoffen wir nur, dass das Wetter hält. Also müssen wir uns sputen, damit das Korn noch rechtzeitig in die Scheuer kommt. Onkel Heinrich war ja nur entfernt verwandt mit uns, ein kauziger aber liebenswerter Sonderling, manchmal um die Ecke denkend – aber er hatte auch eine aufrichtige, behäbige Art, vor allen Dingen das Herz auf dem richtigen Fleck.“

Der Sonnabend nahte rasch. Der schwarze Sonntagsstaat war frisch gelüftet, sauber mit schwarzem Lindes Kaffee ausgebürstet, die Kutsche blank gewienert aus der Remise geholt. Und die gestriegelten Pferde mit dem besten Zaumzeug davor angespannt. Jetzt konnte es losgehen. Doch zuvor musste der Kranz noch einmal mit Wasser besprengt werden, damit er die sechs Kilometer lange Fahrt gut überstand.

Der Tag war schön, doch nicht mehr so heiß. Es wehte ein leichter, frischer Wind. Die Kinder durften an diesem bedeutungsvollen Tag dabei sein, saßen auf der Rückbank und waren gespannt, was alles passieren würde. Wann wurde denn schon einmal die Kutsche angespannt und spazieren gefahren, zumal in der geschäftigen Erntezeit?

Als die Pferde dann auf dem großen Hof von Onkel Heinrich und Tante Finchen einlenkten, waren schon viele Verwandte zu erkennen. Einige standen und schmunzelten. Andere sahen ziemlich verdattert und sprachlos in die Runde. Seltsam, was gab es bei einer Trauerfeier zu lachen?   Da ging man in sich und war froh, dass man selbst noch lebte und noch viele, viele Schlubberchen kippen konnte. Oder nicht?

Auf dem Hof, der sauber gefegt und mit vielen Kränzen und Blumen geschmückt war, standen Stühle und Tische aufgereiht. Und mittendrin stand ein Bett! Jawohl, ein richtiges Bett. Es war Onkel Heinrichs Bett mit riesig aufgetürmten Federkissen. Und wer sollte das glauben? Darin lag Onkel Heinrich! Etwas blass um die Nase, und sicher nicht von strotzender Gesundheit, aber quicklebendig, denn er schmunzelte recht zufrieden. Freundlich begrüßte er jeden Trauergast. Tante Finchen wuselte um das Bett heru, dass ihre vielen Röcke nur so tanzten. Man sah es ihr an: diese Geschichte war ihr peinlich. Ihr gütiges Gesicht schimmerte rötlich. Doch herzhaft hieß sie die zahlreiche Verwandtschaft willkommen. Mit zaghaftem Blick – und, was natürlich wichtig war, mit einem Körnchen, nein, das war ein richtig großer Korn! – Und dann begann Onkel Heinrich zu sprechen:

„So, jetzt hab‘ ich euch alle einmal beisammen, wenn es euch auch schwerfällt, so mitten in der Ernte.  Ihr glaubt gar nicht, wie ich mich freue, dass ihr trotzdem so zahlreich erschienen seid.  Dass ich sehr krank bin, wisst ihr. Und auch, dass meine Zeit bald abgelaufen sein wird. Deshalb wollte ich euch alle noch einmal sehen. Denn wenn ich einmal richtig tot bin, sehe ich euch nicht mehr. Und das Weinen kann ich schon gar nicht vertragen. – Eigentlich wollte ich bei meiner Totenfeier dabei sein, aber lebendig und leibhaftig frohe Gesichter um mich sehen. Nun habe ich mir gedacht, wir machen ein richtig schönes Familienfest daraus. Also trinkt und esst zusammen, seid heiter und vergnügt. Trinkt auf mein Wohl und freut euch mit mir, dass mir dieser Plan so gut gelungen ist, wenn der Vorwand auch etwas makaber ist!“

Nach dieser Rede setzten sich die anwesenden, sogenannten Trauergäste, an die reich gedeckten Tische. Als dann der nächste Schnaps zur Eingewöhnung und gegen den Schreck herumging, und dann noch einer, und noch einer, löste sich die ernste Anspannung bald ung ging unmerklich in fröhliches Gelächter über. Denn schließlich war jeder froh, auch erleichtert, dass die Feier heute noch keinen traurigen Anlass hatte. Den würde es noch früh genug geben! – Also wurde getrunken und gegessen, was das Zeug hielt. Und Onkel Heinrich hatte seinen Spaß daran, wie sich seine große Sippe vergnügte. Als sich die Dunkelheit  langsam auf die seltsame Veranstaltung herabsenkte, wurden Stalllaternen angezündet und auf die Tische gestellt. Und dann, als zwei Musikanten von einer Hochzeit vorbeikamen, wurden sie eingeladen und mussten aufspielen. Es gab kein Halten mehr. Da wurde getanzt, dass die Röcke nur so flogen. Es dauerte einige Zeit, bis die ersten Trauergäste beduselt vom Schnaps und beseelt vom Tanzen ihre Pferde anspannten und gemächlich im Mondschein vom Hofe fuhren. Onkel Heinrich lag schon lange in seiner Stube, hatte ein zufriedenes Lächeln im Gesicht und sagte zu Tante Finchen:

„So eine gelungene und schöne Trauerfeier, das soll mir nur einer nachmachen!“ – Auch die Gäste dieses denkwürdigen Tages, waren der gleichen Meinung, dass es eine schöne, wenn auch ungewöhnliche, und daher unvergessliche Trauerfeier gewesen sei. Onkel Heinrich hatte sich für alle Zeiten ein großartiges Denkmal gesetzt.

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Laura Kanert