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Mit seinen Augen

Entgegen ihrer Gewohnheit stand sie an diesem Sommertag im Morgengrauen auf. Sie wusste zwar nicht recht, was sie, da die Nacht kaum vorüber, tun sollte, nahm dann aber ihre Laufschuhe. Noch ein wenig zögerlich, drehte sie schließlich, ohne sich zu befragen, Runde um Runde durch den riesigen Park, wie er es zu tun pflegte.

Wieder daheim, bereitete sie sich, auf seinem Platz sitzend, einen großen Teller Müsli, das sie bisher nie gemocht hatte; sie war gewohnt, zu Tagesbeginn außer einer Tasse Fencheltee nur sehr wenig zu sich zu nehmen, während er langsam seine Flockenmischung aß.

Vor ihr lag  – wie bereits seit einer halben Woche – ein freier Tag. Früher hätte sie ihren Urlaub gewiss anders gestaltet. Nun aber zog es sie zu einer Arbeit, die sie sich einerseits schon lange vorgenommen, andererseits immer gemieden hatte: Sie wollte endlich in ihrem eigenen Zimmer die zahllosen Bücher aus der Unübersichtlichkeit in eine strenge Ordnung überführen, wie er es für seine Bibliothek schon lange getan hatte. Dazu trug sie Karteikästen, Pappen für Schildchen und Bücherstützen zusammen.

Erst als ihr Magen knurrte, bereitete sie sich eine Mittagsmahlzeit, die seit ein paar Tagen in eine Tasse Kaffee mündete – eine Gewohnheit, die ihm lieb war.

Auch am Nachmittag verließ sie, obgleich sie im Grunde sehr gesellig war und sich gerne mit anderen Menschen austauschte, ihr Heim nicht und rief auch keine ihrer zahlreichen Freundinnen an.
Könnte sie sich und ihr derzeitiges Verhalten gewissermaßen von außen betrachten, würde sie sich fraglos wundern, dass sie auf einmal Stille, Schweigen und Zurückgezogenheit suchte, was viel eher seinem Naturell entsprach.

Ihr eigenes Wesen, ihre Gefühle und Interessen lagen für sie gleichsam hinter einer Nebelwand. Beinahe automatisch setzte sie die bibliothekarische Tätigkeit fort.

Als die Abendsonne zu sinken begann, spürte sie den Drang, in seiner Ideenmappe zu blättern, die bei ihrem letzten Zusammensein auf dem Schreibtisch offen liegen geblieben war. Darin befanden sich unzählige Notizen und Entwürfe, die seinem schriftstellerischen Wirken dienten. Wie von anderer Hand geleitet, führte sie, ohne dass es in ihr Bewusstsein drang, seine Gedanken weiter. So gut kannte sie ihn, dass ihr die Worte von selbst in die Feder flossen. Zuweilen blickte sie vom Papier auf und glaubte ihn vor sich zu sehen, sogar seinen Körpergeruch wahrzunehmen. Ganz deutlich fühlte sie seine Gegenwart, in die sie sich für Augenblicke bergen konnte.

Nach geraumer Zeit, in der sich mehrere Blätter gefüllt hatten, hörte sie die Glockenschläge der nahe gelegenen Kirche, die sie daran erinnerten, dass sie gewohnt waren, gemeinsam recht früh zu Bett zu gehen. Obwohl sie noch nicht müde war, brach sie ihre Arbeit ab und überließ sich dem Sog, der sie dorthin führte, wo sie so oft einander nahe waren.

Während der folgenden zweieinhalb Wochen veränderte sich ihre neue Lebensweise nicht: Nur am frühen Morgen und für gelegentliche Lebensmitteleinkäufe ging sie aus dem Haus. Klingelte das Telefon, reagierte sie nicht. Auch als es ein paar Mal an der Tür läutete, blieb diese verschlossen – auch wenn sie ihn ersehnte. Es war ihr klar, dass er nicht kommen würde. Und doch wusste sie in der Tiefe ihres Herzens, dass sie wieder beieinander sein würden. Bei ihren seltenen Besorgungen wich sie Bekannten aus. War es unvermeidlich, erschöpften sich ihre Antworten in einem Nicken.

Jetzt war ihr Urlaub, den sie wie eine Ewigkeit empfand, vorüber. Wie gewohnt, nahm sie ihre beruflichen Pflichten wieder auf. An ihrer Arbeitsstätte angekommen, hörte sie eine ihr fremd erscheinende Stimme, der es Mühe bereitete, Worte zu finden. Überrascht merkte sie: Es war ihre eigene.

Thomas Berger