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Ach, mein Herzchen komm . . .

Mit diesen Worten hast du mich immer begrüßt, oder wenn du mir etwas erzählen wolltest, hast du mich dann auf deinen Schoß gezogen, mich liebevoll angelächelt, und dann hast du angefangen mir die schönsten Geschichten zu erzählen.

In deiner vertrauten Nähe habe ich mich immer wohl gefühlt. Bei dir fand ich Schutz, wenn ich kindlichen Kummer hatte. Und du hast mich getröstet, wenn ich mit zerschundenen Knien zu dir kam. „Ein Pflaster tut Wunder“, sagtest du immer und hast mir eine kleine Geschichte dabei erzählt, sodass ich mein schmerzendes Knie total vergessen hatte.

Du hast mich immer verstanden, was ich fühlte, warum ich weinen musste, weil mir das Herz so schwer war. Viel Vergnügen machte es mir, wenn ich dein langes dunkles Haar kämmen durfte, und du hast mich nicht abgewehrt, wenn es einmal ordentlich ziepte.

Was hat dein Bruder (mein Großvater) gewettert, als du nach einem Friseurbesuch noch einmal bei uns vorbeikamst. Du hattest einen Bubikopf, deine langen Haare waren einfach weg!

Auch ich war sehr erschrocken. Du sahst auf einmal ganz anders aus, so fremd. Aber da hast du mich angelächelt und sagtest: „Ach, komm her mein Herzchen, komm!“ Zu deinem Bruder sagtest du etwas von Emanzipation. Du hast lang genug getrauert. Du wolltest noch etwas vom Leben haben und du hast den Führerschein gemacht. Dann hast du nochmals tief Luft geholt und bist mit den Worten rausgeplatzt: „Und am Wochenende wird mein Auto geliefert!“ Mit gekreuzten Armen standest du da, wehrhaft und selbstbewusst. Mutti lachte und umarmte dich. Ihr habt euch beide im Kreis gedreht, gelacht und gelacht.

Und Großvater brummelte etwas von verrückten Weibersleut, sagte, die abgeschnittenen Haare seien der Stolz einer Frau, keiner werde sie jemals wieder Ernst nehmen. Er sah ziemlich unglücklich aus. „Na ja“, meinte er dann, die Haare werden ja wieder wachsen. Aber so prächtig werden sie nie wieder sein!

Und dass du am Steuer eines Autos sitzt, das kann ich mir gar nicht vorstellen.“ Du aber bist deinem Bruder um den Hals gefallen und hast ihm versprochen: „Wir beide machen gemeinsam die erste Spazierfahrt, gleich zu Pfingsten!“ Großmutter meinte: „Da komme ich auch mit!“ Doch da warst du schon auf den Wirtschaftshof gelaufen, schirrtest dein Pferd an und bist mit dem Kutschwagen vom Hof gefahren. Lange habe ich dir nachgeschaut. Wie mutig du warst. So wollte ich auch einmal sein – du warst einfach großartig.

Großvater war dein ältester Bruder. Er hatte nach dem Tod eurer Eltern die Verfügungsgewalt über das kleine Gut, das er dir später ganz überlassen hatte. Er hatte immer ein sorgsames Auge auf dich. Denn du warst das Nesthäkchen in der Familie. Und nachdem dein Verlobter aus dem ersten Weltkrieg nicht mehr zurückkam, und du sehr traurig warst, hielt er immer seine schützende Hand über dich. Was mag damals in ihm vorgegangen sein, als du von Emanzipation sprachst? Aber er hatte dich schon richtig eingeschätzt. Du warst selbstbewusst und hast dein Leben selbst in die Hand genommen.

Das kleine Gut wurde von dir gut bewirtschaftet. Du kanntest dich mit den Pferden aus, mit der Felderbewirtschaftung, mit dem Federvieh – und im Haus. Die langjährige Hauswirtschafterin Gusti trug dich auf Händen und unterstützte dich, wo es nur ging. Wenn es einmal Schwierigkeiten gab, wurde dein Bruder benachrichtigt. Aber nur im Geheimen und wenn es anders nicht mehr möglich war. Mit der Zeit warst du auch eine vielumworbene Frau geworden. Doch du wolltest keinen anderen Mann. – Viele Gäste sind bei dir ein und aus gegangen. Man traf sich bei dir zu Hauskonzerten, die beliebt waren. Ich sehe dich immer noch vor mir. Du hast am Flügel gesessen und wunderbar gespielt. Alle waren begeistert. Und du sahst so schön aus in deinem nachtblauen Georgettekleid auf dem viele Sternschnuppen aus feinfädiger Angorawolle gestickt waren. In deinem Haar, da war es noch lang, glänzte das Kerzenlicht. Alles war so feierlich, fröhlich und unbeschwert. Und dein großer Bruder war ungemein stolz auf dich.

Du warst es auch, die mir das Reiten beigebracht hat. Behutsam hobst du mich in den Kindersattel, schobst die Füße in die Steigbügel und achtsam drücktest du mir die Zügel in die Hände. Ein Glück. Ich brauchte am Anfang nicht viel zu führen, denn Lottchen warf ein fügsames Pferd und wusste besser Bescheid als ich. Später, als ich routinierter war, sind wir gemeinsam über die Felder und Wiesen geritten. Und als mein Vater aus dem Krieg auf Urlaub kam, staunte er: Seine Tochter saß schon fest im Sattel!

Und eines Tages bist du mit dem neuen Auto bei uns vorgefahren. Ich war sehr aufgeregt, denn du wolltest mit mir eine kleine Reise machen. Schon wieder hast du ganz anders ausgesehen, richtig schick. Du trugst einen beigen Hosenrock aus Gabardine, dazu Reitstiefel und ein blaubuntes Kopftuch auf deinen kurzen Haaren. „Hier bin ich, sind die Koffer gepackt? Dann kann es ja los gehen!“

„Nun Anni“, sagtest du zu meiner Mutti, „ich werde mit deiner Tochter ordentlich angeben. Mal sehen, was wir alles unternehmen werden. Jedenfalls werden wir Spaß miteinander haben. Ganz gewiss!“ Du nahmst mich an die Hand. Noch einmal durfte ich Mutti drücken, dann stiegen wir in das Auto und los ging die Fahrt ins Blaue.

Unterwegs haben wir Lieder gesungen, gelacht und uns riesig gefreut, auf alles, was jetzt kommen würde. Birkenwälder, Seen und Alleen hatten wir hinter uns gelassen, als wir in Königsberg ankamen. Langsam war der Tag vergangen. Aber noch rechtzeitig im Hellen wurde das Hotel erreicht. Welch ein Verkehr hastete in den Straßen. Autos hupten, Kutscher schimpften, Straßenbahnen bimmelten, Menschen wuselten umher – alles war so furchtbar laut und quirlig.

„Komm, mein Herzchen, komm, wir wollen uns schnell frischmachen. Und dann geht es in den Speisesaal. Du kannst dir dein Essen selber aussuchen.“

Was sollte ich mir? Das Essen selber aussuchen? Zuhause wurde das gegessen, was auf den Tisch kam! Jetzt war mir doch etwas mulmig zu Mute. Ich war mit dem Erschrecken noch nicht ganz fertig, als ich sah, dass jemand mit deinem Auto in die nächste Straße fuhr. Es war der Hotelpage. Und ich traute mich nicht zu sagen, dass ich glaubte, das Auto wurde gestohlen.

Vor dem Speisesaal wurden wir in Empfang genommen. Dein Handrücken wurde geküsst. Und schon saßen wir an einem Tisch am Fenster. Du sahst wieder umwerfend aus, trugst ein buntes Musselinkleid, das deine schmale Figur umschmeichelte. Und jedes Mal, wenn du deine Arme mit den weißen Ärmeln bewegtest, wehte ein pudriger Parfümduft zu mir herüber. Du warst die Schönste hier im ganzen Speisesaal. Die Ober bedienten dich wie eine Königin. Und alle mussten dich kennen. Bestimmt warst du nicht das erste Mal hier.

Abends gingen wir ins Ballett. Du trugst dein Sternschnuppenkleid und ich ein weißes aus Mussline, bestickt mit blauen Kornblumen und einem blauen Bolero. Daran kann ich mich genau erinnern, weil Bekannte, die wir im Theater trafen, sagten: „Wie hübsch, wie die Mutter so die Tochter!“ Darüber mussten wir später immer lachen, wenn du mich fragtest: „Kannst du dich erinnern, mein Herzchen?“ – Du zeigtest mir den Königsberger Rundfunk. Wir waren im Zoo, fuhren Boot auf dem Schloßsee und aßen Marzipan, viel Marzipan, auf der Caféhausterrasse von Hotel Schwermer.

Wieder zuhause hatte ich so viel zu erzählen. Aber alle waren froh, dass wir heil zurück waren. Denn es wurde von Krieg gesprochen. Und es kamen unruhige Zeiten. Du konntest nicht mehr so oft verreisen. Du wurdest auf dem Hof gebraucht, kamst kurz einmal zu uns herüber geritten. Dein Auto hatte das Militär requiriert. Aber zum Glück durftest du deine Pferde noch behalten. Lebensmittel, Bekleidung, Brennmaterial, Benzin, alles gab es jetzt auf Zuteilungsmarken. Damit waren wir alle soweit zufrieden. Wir brauchten nicht zu hungern, noch hatten wir warme Wohnungen und keinen Fliegeralarm.

Die Männer waren im Krieg. Die Frauen zuhause packten Päckchen für die Soldaten an der Front und hofften inständig, dass sie kein amtlicher Brief erreichte. Und du hattest dich freiwillig zum Roten Kreuz gemeldet. Am Anfang war dein Dienst in Lazaretten im Umkreis unseres Ortes. Dann fielen Bomben, überall brannte es. Und wir sahen dich manchmal wochenlang nicht. Und wenn du einmal bei uns warst, warst du traurig, müde und hilflos. Manches Mal habe ich gesehen, wie du bei Opa gesessen hast und jämmerlich weintest, wie er dich getröstet und in den Armen gehalten hat. Und dann warst du eines Tages weg und kamst auch nicht mehr wieder. Alle warteten auf Post, auf ein Lebenszeichen von dir, von Opas Söhnen, von meinen Cousins.

Dann überschlugen sich die Ereignisse. Im Rundfunk hörte man die neuesten Nachrichten von der Front, jeden Tag, jeden Tag lang. Viele Silbervögel flogen über unsere Stadt. Am blauen Herbsthimmel sah man weiße Schrapp-nellwölkchen. Man hörte Kanonen- und Gewehrschüsse und die ersten Flüchtlinge zogen mit ihren Treckwagen auf den Straßen nach Westen – ins sogenannte Reich!

Plötzlich waren russische Partisanen in den Wäldern und auf entfernten Gehöften. Telefonanschlüsse waren gestört und Opa fuhr trotz allem auf dein Gut, weil wir keine Nachricht mehr von dort erhalten hatten. Kein Inspektor war da, keine Gusti, keine Leute waren zu sehen – und keine Tiere. Es war so unheimlich still. Opa suchte im Haus. Alles war durchwühlt und zerschlagen. In der Scheune fand er das Grauen – aber kein Leben mehr. Opa kam zurück und sprach kein Wort. Und im Radio sang Zarah Leander: „Davon geht die Welt nicht unter . . .!“ –

Der grausame Krieg war vorbei. Die Überlebenden suchten nach ihren Familien, nach verlorenen Kindern, Verwandten und Bekannten. Es gab kein Zuhause mehr. Die Orte, wenn sie noch bewohnbar waren, wurden ethnisch gesäubert und mit anderen Menschen bevölkert. Als wir dann irgendwo im REICH eine Bleibe gefunden hatten, suchten wir dich über das Rote Kreuz, über Wehrmachtbüros. Doch nichts war über dich zu finden. Es war, als habe die vergangene Zeit nicht stattgefunden. Und aus russischen Gulags kam auf unsere Suchanfrage die Antwort: Name unbekannt. Es gibt keine deutschen Kriegsgefangenen, auch keine verschleppten deutschen Frauen und Kinder.

Wir mussten uns damit abfinden und lebten in der Hoffnung: Vielleicht eines Tages doch? Nun sind so viele Jahre vergangen. Alle damals Vermissten werden schon lange verstorben sein. Doch vor einiger Zeit bekam ich eine Antwort auf meine Suchanzeige. Moskauer Militärarchive hatten inzwischen ihre geheimen Türen geöffnet und schrieben Mitteilungen wie: Verstorben im Lager Kysyl, verstorben im Lager bei Stalinogorsk. Verstorben im Lager Jaroslawel, verstorben im Lager Dschirdschinst. – Die schlimmsten Lager wurden genannt. Wie man heute weiß, warst du im Frauenlager Taganrok an der Schwarzmeerküste. Laut Auskunft bist du schon 1941 dort verstorben. Wir erhielten keine nähere Auskunft. Wie mag es dir ergangen sein? Wie bist du zu Tode gekommen? Niemand kann mir von dir erzählen, von dir, meiner fröhlichen, lustigen Tante Ulla, die ich so anhimmelte. Du warst der Sonnenschein der Familie.

Es war eine wunderschöne Zeit, die du mir ermöglicht hast. Und immer denke ich heute mit Wehmut daran zurück. Oft habe ich dich vermisst in all den schweren, schlechten Zeiten. Doch ich bin dankbar dafür, dass ich dich haben durfte, wenn auch nur für eine kurze Zeit. In meinem Herzen höre ich immer noch: „Ach, mein Herzchen, komm . . .!“

Laura Kanert