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L 3114 Dieburg – Darmstadt Ostbahnhof

Es ist ein heißer Sommertag. Azurblau der Himmel, ohne Filter die Sonne.

An Gärten vorüber, sie sind von hohen Koniferen gegen Staub und Autolärm geschützt, hastet Isa zur Bushaltestelle im Südwesten der Stadt. Sie streift die Hügel des nahen Odenwaldes mit den Augen. Dort weiß sie es kühl. Die hohen Bäume sind ihr vertraut, die dort behäbigere Zeit gehört den Faltern und Insekten, dem Singen der Vögel.

Isa, in Gedanken, verjagt eine Fliege. Auf und ab tanzt sie vor ihren Augen. Ein Motorradfahrer mit überzogenem Motor braust an ihr vorüber. Und eben in jenem Moment rollt der Bus vor ihr aus. Fast hätte sie ihn überhört. Der Fahrer, ein junger Türke, kennt sie, ihr Versunkensein, nickt ihr zu, lenkt den Bus routiniert in den fließenden Verkehr.

Isa setzt sich auf einen Platz dicht an der Tür. Neben ihr am Fenster lehnt eine Frau. Ihre bunte Bluse leuchtet wie die Fülle des Sommers. Die Hände hat sie gefaltet, als bete sie um Schutz. Seltsam findet es Isa, schaut an ihr vorüber, erspäht einen Storch auf abgemähter Wiese. Ihn stört der Autolärm nicht. Mäuse sind auf dem Speiseplan des Tages. Mit seinem langen Schnabel gilt es sie zu packen! –

Noch ist es ländlich. Bald säumen hohe Kiefern die Stadtautobahn. Ein dunkles, monotones Singsang lässt Isa aufschauen. Hört der Fahrer die seltsame Musik, ist es einer der Fahrgäste? Der Bus, mit einiger Geschwindigkeit, fährt auf die Stadt zu. An der nächsten Kreuzung wird sich ausbreitende Industrie sichtbar. Je näher sie der Stadt kommen, wird das monotone Singen lauter, intensiver, unheimlich, steigert sich zu einer Folge zitternder Töne im tiefen Bass. Isa wendet den Kopf nach links, erschrickt: Einen Schritt von ihr entfernt erkennt sie eine Gestalt in Schwarz. In einem Schwarz dunkelster Nacht. Eine Frau in einer Burka? Ist es ein Mann? Durch einen Sehschlitz betrachten sie blitzende Augen wie ihr scheint belustigt. An schmalen Händen blinkt ein Ring. Rotlackiert sind Fingernägel. Tiefrot wie Blut. Aus dem Ärmel führen weiße Schnüre, sind es Drähte? – zu einem Koffer vor unsichtbaren Füßen.

Lauter wird das Singen, dunkler, zitternder, erfüllt mit Schrecken. Ein Mann mit gekräuseltem Bart, er reicht ihm bis zur Brust, hebt die Hände. Eine Kippa schmückt den Kopf. Sein Gesang lässt die Fahrgäste schweigen. Isa wirft einen Blick auf die Dame in bunter Bluse am Fenster neben ihr. Sie beißt sich auf die Lippen.

Das Attentat eines Selbstmörders in einem der östlich gelegenen Krisenländer, er sprengte sich vor Tagen mit Mitreisenden in die Luft, ist Isa vor Augen. Diese weißen Schnüre denkt sie. Durch Sehschlitze betrachten sie wissende Augen. Der Bus steckt im Stau. Unerträglich werden Hitze und Gesang.

Im Stopp and Go greift der Fahrer öfter zur Wasserflasche. Odenwaldquelle verspricht das Etikett, erinnert an Erde und Grün. Krähen fliegen auf, stieben hoch in die Luft, als entzögen sie sich in Eile eines zu erwartenden Geschehens.

Als der Bus verspätet am Ostbahnhof in Darmstadt hält, öffnen sich lähmend langsam die Türen, drängen Fahrgäste hinaus in das lichte Blau des Tages. Isa wendet sich dem Busfahrer zu, streift die Zurückbleibenden nicht ohne Sorge. Der Fahrer reibt sich die Stirn, hebt den rechten Daumen: „Noch eine Stunde, dann gehört der Tag mir.“ Er fährt an. Der Tag – wird er ihm gehören? Isa geht dem Ostbahnhof zu, dort ranken aus einem Blumenkübel üppige Rosen, verströmen den Duft von Sommer, verwehen Schatten auf Zeit im Fahrtwind des vorüber fließenden Verkehrs.

Inge Zahn