Archive

Haus auf der Deichsel

Änne Gugumus, die Vollwaise: ihre Mutter stirbt an einer Lungenentzündung, ihr Vater verliert sein Leben beim Klötzausmachen im Wald.

Änne kommt zu ihrer Tante und wächst mit Kusine Lena auf, die in die Handarbeit geht, während sie noch hohe Schuhe trägt und die jeden Morgen in die Gerberei fährt, während sie gerade aus der Schule kommt. In der Zeit bekommt Lena, die einen Hut trägt, der wie ein Nachttopf aussieht, Besuch von einem jungen Mann, der einen Hut auf hat, der „Kreissäge“ heißt. Als dieser junge Mann mit der verkrüppelten Hand sagt: „In der Residenzstadt ist ein Hotelzimmer bestellt“, hat Kusine Lena Bitsch den Karl Gnittel geheiratet und Karl Gnittel sie in seine Kolonialwarenhandlung übernommen.

Änne, der Ladenschwengel, muss Regale auffüllen, Herings- und Salzfässer ausschwenken, nass aufwischen, samstags mit Ölkanne und Trichter von Haus zu Haus laufen. Besondere Vorkommnisse gleich zu Anfang, beim Fenster- und Schaufensterabwaschen, wird ein weinender Bürgermeister Wiedemann am Laden vorbei geprügelt; später muss sie einmal, auf Befehl, in einer dunklen Nacht in einem leeren Haus Geschirr abholen. Einzige Abwechslung jedes Jahr im Juni ein Fußmarsch nach Ansiedl, in Begleitung der Kusine, wo Lena vor einem Vesperbild kniet und sie in einer Spruchsammlung blättert. Geld, um sich die Spruchsammlung zu kaufen, hat sie keins.

„Klebst du wenigstens für sie?“, fragt ihre Tante am Tag einer Zwillingsgeburt. „Essen, Kleidung, Dach überm Kopf“, sagt Gnittel. Das „Dach überm-Kopf“ ist eine Dachkammer mit Sägemehlofen, der, wenn das letzte Drittel Sägemehl in die Brennröhre stürzt, gelbes Licht und roten Feuerschein an die Decke wirft. Licht und Feuer wie draußen, wo jetzt der Krieg ist. Nur, dass die Gassenbuben, die länger aufbleiben dürfen, den Feuerzauber „Christbäume“ nennen und die, die sie schießen, „Pfadfinder“. Kluge sagen zu den Pfadfindern „Scouts“ und zu den „Scouts“ „Lancaster“.

Als immer mehr von den „Lancaster“ niedergehen, macht Karl Gnittel den Hof frei. Unter Aufsicht eines Feldschütz mit Karabiner sucht ein Trupp, unter anderem Änne, die Felder ab, während Karl Gnittel, die „Genehmigung zur Abräumung sämtlichen Militärguts“ in der Tasche, dabei steht und sagt: „Man glaubt gar nicht, was in so einem Flugzeug alles drin ist.“

Als aber eines Tages ein magisches Wort umgeht wie ein Würgeengel, der Name einer russischen Stadt, wird Änne dienstverpflichtet: in eine Landmaschinenfabrik, wo keine Sämaschinen mehr vom Band laufen, sondern Panzer, für die sie die Zahnräder innen und die Kurbeln außen zu schleifen hat, auf den einhundertstel Millimeter genau. Wehe, wenn die Lehre nicht durchgeht, die Kurbel nicht rundläuft. „Ausschuss“, sagt der Meister, „ziehen wir vom Lohn ab.“ Oben im Büro, wo man nicht nur die Lohnstreifen austippt, sondern auch die Fahrscheine abstempelt. – Bis die Panzer, kaum aus der Halle gerollt, schon im Bahnhof gesprengt werden und sie, umgekehrt, für eine Zwanzig-Minuten-Strecke einen halben Tag braucht.

Als der Meister sagt: „Leut‘, bleibt daheim“, und Änne zu Hause ankommt, liegt dort ein Mann auf dem Küchentisch, Theo, der Bruder von Karl Gnittel, dem ein alter, zittriger Medizinalrat ein Stück Fleisch aus dem Oberarm schneidet. Der Krieg ist aus.

„Hab‘ ich dich wieder“, sagt Gnittel.

„Zwohundert Mark“, sagt Änne.

„Zwohundert“, sagt Gnittel, „dafür bekommst du kein halbes Pfund Butter.“

Gnittel hängt ihr zwei Dreißig-Liter-Kannen ans Fahrrad und schickt sie in die Brombeeren, ins Gebirg‘ an die Wisgoz-Quelle, wo er ausgedehnte Gebiete kennt. Abends lässt er ihr weder Zeit, die aufgerissenen Hände zu pflegen, noch die tauben Waden zu massieren: das Gerupfte schimmelt schnell, muss sofort verkocht oder ausgepresst werden. Am besten ausgepresst. Denn Karl Gnittel tauscht weiter: Saft gegen Zuckerrüben, die sie waschen, schnitzeln und an die Presse fahren muss. Anschließend hockt sie am Herd, legt Holzscheit auf Holzscheit nach und rührt, wie eine alte vorzeitliche Vettel, in einem Kupferkessel, bis zum Morgengrauen, so lange, bis sich die Masse dunkelbraun färbt und dick und zäh um die Holzkrücke wickelt. Bis das gesamte Wasser ausgekocht und die Flüssigkeit Sirup ist.

Am Tag der Umstellung steht sie auf der Treppe, den ausgetretenen, roten Sandsteinstufen, die entlang einer Bruchsteinmauer zu einem schmiedeeisernen Austritt führen und von da in einen Saal mit Barockdecke, unter der die neuen Leute sitzen: mit dem neuen Geld.

Zwei Ereignisse geschehen kurz hintereinander: sonntags kauft sie im Ansiedl die Spruchsammlung; am folgenden Werktag sieht sie einen Wagen vorbei fahren, gezogen von einem uralten Mann im Gurt, geschoben von einer uralten Frau im langen Rock.

„Was ist das denn?“, fragt Gnittel. „Ein Haus auf der Deichsel“, sagt Änne. Und sagt, nachdem sie das dünne Heft aus ihrer Kammer geholt hat, diesen Spruch, den sie zwar auswendig weiß, aber dennoch mit dem Fingernagel angerissen hat: „Die Schale muss entzwei sein, soll der Kern heraus kommen.“* (*aus Meister Eckehart, Predigt 14.)

Das Ziel, die große Fabrik im Flößerhafen, in der der halbe Ort arbeitet, erreicht sie nicht auf Anhieb. Ihr Weg geht über eine Quetsche, wo sie, ein giftiger Beruf, Pech aus Waggons und Teer in Kanister füllt, in eine Großwäscherei, wo sie abwechselnd in heißem Wasserdampf und kalter Zugluft steht. Und so wagt sie in der Sandhofener Straße einen zweiten Versuch: und wird eingestellt: als Küchenhilfe.

Ab halb zwölf, wenn die ersten Arbeiter, die aus der Papiermühle, anrücken, steht sie an der Essensausgabe, eine weiße Schürze um und eine weiße Haube auf, und füllt die Portionsteller. Als ein Rothaariger des Öfteren einen Schlag mehr bekommt und Lena sie daraufhin fragt: „Hast du manchmal gewisse Anwandlungen?“, sagt Änne: „Weder der Uniform-Gnittel noch der Kittel-Gnittel noch ein Rothaariger von der Schönau.“

Und Änne verlängert: unterschreibt nach Ablauf ihres befristeten Arbeitsvertrages einen unbefristeten: und diesmal nicht mehr als Küchenhilfe, sondern aufgestuft, als Kantinenmitarbeiterin. Von dort sieht sie, die selber älter wird, was alle sehen: wie Großväter zum letzten Mal über den Holzhof marschieren. Söhne sich gleichzeitig die silberne Jubiläumsnadel anstecken, Enkel die Lehrwerkstatt der Papiermacher betreten: Erbfolge im Schaffanzug.

Änne, in Rente, erinnert sich jetzt an die steinalten Leute und an ihr humpelndes, wackliges Gefährt. Und taucht dort auf, wo keiner mehr hin will: in der Bauerngasse. Mit großer Hast, in großer Unruhe sucht sie Hofreite um Hofreite ab: mit Augen, in denen, was kein Gaffer merkt, die Angst steht.

Schließlich schiebt sie aus der Scheune vom alten Botenfuhrmann eine kleine, gummibereifte und zugestaubte Rolle heraus: direkt zum Wagner, wo sie sich hinter bärtigen, bebrillten Latzhosenträgern, die drinnen um jede Drechselbank, jeden Holzdübel feilschen, einreihen muss. Wieder packt sie die Angst, nicht nur die vordergründige, dass sie, vor dem endgültigen Aus, ja noch den letzten Zipfel der beruflichen Existenz eines echten Wagners und Stellmachers erwischt, sondern eine höhere: eine, die sie immer stärker packt, je näher sie dieser blindverglasten, fast ausgeräumten Werkstatt kommt, eine Angst, die nichts ist als jener zitternde Moment vor dem Augenblick der Gewissheit: vor dem Augenblick des Sieges.

Was die frisch beamteten Edelschreiner übriglassen, reicht aus, dass der Wagner die Rolle überbauen kann: Dass Aufbau und vorspringender Erkerteil – eines Hauses auf der Deichsel – genau dem Urbild entsprechen. Und Änne hilft: schneidet eigenhändig Fenster und Türen aus, während der Wagner Stellwand um Stellwand aufsetzt. In der letzten Phase, beim Verlegen der letzten Bahn Dachpappe, beim Verkitten des letzten Stückchens Glas, fragt Wagner, was, kurz danach, Lena und Karl Gnittel und die Zwillinge sie fragen: „Was spannst du davor?“

Es ist ein gelber Haflinger, der noch still hält, als sie ihm das Kumt umgekehrt über die Ohren streift und das Eisen so einlegt, dass es nicht gegen die Zähne stößt; der aber, da er ein Jahr im Stall gestanden hat, so viel Luft im Bauch hat, dass er wie ein Frosch quakt, als sie ihn zum ersten Mal ins Freie führt.

Änne reist nicht aus der Welt. Sehr lange und sehr hart verhandelt sie mit einem jungen Bürgermeister, bis er ihr jenen Stellplatz zuweist, den sie sich auf ihrer ersten Fahrt ausgesucht hat: einen Fleck auf einer Flussschlinge und da wieder auf dem winzigen Dreieck zweier Fachzuflüsse fernab von der Gesellschaft der Angler, nahe genug am Fahrwasser der Ausflugsboote, unter die sie sich, gleichsam als eine Fortsetzung zu Lande, im Sommer einreiht.

Um ihre Rente aufzubessern, deren eine Hälfte führ Diehl draufgeht (der Name des Haflingers ist der seines Vorbesitzers), veranstaltet sie Rundfahrten durchs Ried, Reisen zur Auerburg, zur Laurisser Königshalle, in den Stein er Wald und, als Abenteuer verlangt werden: die waghalsige Durchquerung der Wisgoz an der Horster Furt. Die Saison schließt sie im Oktober ab, mit einer Kreuz- und Querfahrt durch den Heimatort, die auf dem Festplatz endet.

Den Winter verbringt sie in der Dachgaupe, von wo sie – wieder – sieht, was alle sehen: Zwillinge, die groß geworden, die Nachfolge verweigern, nach und nach das Haus verlassen und sich auf gesicherte Positionen, der eine hinter einen Schreibtisch bei der Stadt, der andere auf ein Amt beim Kreis, zurückziehen; und ihre Kusine Lena und Karl Gnittel, die versuchen, die immer zahlreicher aus dem Boden schießenden Großmärkte abzuwehren: Lena, wie Änne sie kennt, seufzend und leidend, Karl Gnittel aggressiv und mit der immer gleichen Beschwörung: „Ich geh‘ nicht an die Kette.“

Im Jahr der großen Überschwemmung der Wisgoz spürt auch Änne, dass die Kräfte nachlassen. Als ihr Haus auf der Deichsel bis zu den Rädern im Schlamm versinkt, hilft auch das Dreifache „Schieben, Schieben, Schieben“ nichts mehr. Ein Bauer muss den Gaul ausspannen, mit schwerem Traktor den Wagen aus der Niederung ziehen, hinterher Leinen und Geschirr wieder richten, während sie erschöpft von der Anstrengung, eine Stunde lang regungslos auf ihrem Bett liegt.

Und als sie zur Winterruhe in ihre Dachkammer zurückkehren will, ist eine andere Entscheidung gefallen: „K.G’s Verbrauchermarkt“ (wie er zuletzt hieß) ist geschlossen. „Verkauft“, sagt Karl Gnittel, „Lena und ich ziehen uns in eine Pension im Gebirg‘ zurück.“ Und mit einem verkniffenen Lächeln: „Wo du mal in die Brombeeren gingst.“

Der Kreis schließt sich. Änne meldet sich im Altersheim an, nicht im privaten, das sie nicht, sondern in dem alten in der Schwesterngasse, das sie gerade noch bezahlen kann. Wenn sie ausfährt, riskiert sie nichts Abenteuerliches mehr. Außerdem guckt sie sich die Jahreszeiten genau an, meidet das nasskalte Frühjahr ebenso wie die große Hitze im Hochsommer und den nebligen Herbst. Und so werden die Erholungsphasen immer länger, die Fahrten immer kürzer. Oft sind sie nur eine Woche, oft nur zwei Tage lang. Oft nur noch eine Erinnerung, oft nur noch ein Gedanke. Ganz wie ein Traum.

Norbert von Dungen

© aus: Abwärts der Wisgoz
Edition Fischer