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Die Katze von La Ciotat

Oftmals sind es die kleinen Dinge, die einen Urlaub unvergesslich machen. Ein vom Meer blank gewaschener weißer Stein; plötzlich weiß ich, wo ich ihn gefunden habe. Ein Pinienzapfen, braun und zerklüftet. Samen rieselt durch meine Finger. Ich schaue aus dem Fenster. Draußen weht der Wind schon die gelben Blätter über den Rasen. Ich denke an die Stille der Camarque, an die vom Mistral durchgefegten Gassen von Les Beaux, an die schaukelnden Schiffe im alten Hafen von Marseille – und an die Katze von La Ciotat.

Sie war nicht zärtlich, aber zart. Nun manchmal hat sie mich umschnurrt. Sie war da, schaute in die Sonne und schien zu wissen, was uns nie zu begreifen gelingt. Die Katze suchte uns nicht; sie nahm uns hin. Wir waren gekommen, also für sie da. Wie lange? Sie ahnte es wohl, denn sie schloss keine Freundschaft auf kurze Zeit. Und doch, so glaube ich, hat sie uns geliebt.

Es war ein schöner Campinplatz in La Ciotat. Nicht allzu groß, geschützt von dem dunkelgrünen Dach der Pinien gegen die sengende Sonne, mag er sicher in den heißen Tagen eine Oase für Camper gewesen sein. Aber es war nicht mehr Sommer. Wir brauchten kein Dach, sondern suchten die Sonne und ihr letztes warmes Licht im Oktober.

Unseren Caravan zogen wir nahe ans Meer zwischen Agaven, die mattgrün und verschlossen vom vergangenen Sommer träumten. Nur ein Engländer und ein Holländer badeten noch im Meer. Sie suchten nach Bambus und Muscheln. Am nächsten Tag fuhren sie ab.

Wir waren allein. Doch nicht ganz allein, denn dann kam sie. Mein Gefühl des Verlassenseins war vorbei. Auch meinem Mann muss es so ergangen sein. Mit einem Ruf der Überraschung zeigte er auf die kleine, schwarzweiße Katze, die plötzlich vor uns saß.

Wir frühstückten. Kaffee, Schinken und Marmelade standen auf dem Tisch. Es war still, nur das Meer rauschte leise. Monoton plätscherten die kleinen Wellen gegen die Ufersteine.

Langsam und vorsichtig sanken die sanften Katzenpfoten auf den Teppichboden unseres Wagens. Sie kam nicht bis zu uns. Die Katze verharrte – es schien, als überlegte sie – und setzte sich in den hellen Lichtstreif, der durch die offene Tür fiel. Von dort aus betrachtete sie mit einem Langmut die Steine, den Sand und das Meer, als gäbe es sonst nichts auf der Welt. Sie flüchtete auch nicht in Panik, als ich aufstand, zu ihr ging und mit ihr sprach. Die Schale Milch beachtete sie nicht, aber die feine, französische Pastete, gekauft in Avignon, ließ sie auf ihrer kleinen rosa Zunge zergehen. Sie hatte Geschmack!

Von da an wartete sie täglich auf unsere Rückkehr. Sie begleitete uns nicht nach Cassis, nicht nach Toulon oder Marseille. Sie empfing uns nur, wenn wir wieder zurückkamen, saß im Schatten auf dem Trittbrett unseres Wagens und schaute uns entgegen. Wir wussten, dass sie nur feine Sachen fraß, und brachten sie mit: Paté de poulet, Paté de faisan.

Noch gab es die Sonne, die bräunte. Ich lag in meinem Liegestuhl am Meer. Neben meinen nackten Füßen ruhte sie, „unsere Katze“. Doch nach einigen Tagen kamen Sturm und Regen. Die zauberhaften Gärten von Nimes wurden verwüstet und in Les-Saintes-Maries-de la Mer die Straßen überschwemmt. An diesen Tagen kam die Katze nicht. Wir dachten an sie und fürchteten, dass sie ein Opfer des Unwetters geworden wäre.

Heulend fuhr der Sturm gegen das Meer, kam zurück und warf die Brandung tobend und krachend gegen die Ufersteine. Tagsüber, eingehüllt im orkanhaften Treiben, saßen wir in unserer kleinen „Burg“, legten Patiencen, lasen und horchten auf das Trommeln des Regens, das kein Ende nehmen wollte. Nachts war an Schlafen nicht zu denken. Bei Morgengrauen verließ mein Mann barfuß den Wagen und grub eine Rille, damit das Wasser um unseren Wagen ablaufen konnte.

Als sich das Meer wieder beruhigt hatte und das Wasser zurückgegangen war, kam „unsere Katze“ wieder. Sie schaute auf das angeschwemmte Treibholz, auf Bambus und bizarre Wurzeln. Ihr war nichts geschehen. Zwei Tage war es kühler, dann kam die Wärme des Südens wieder.

Wie vordem saß unsere Katze in der Sonne. Sie sah mir zu beim Schuheputzen und leistete mir Gesellschaft. Freudig ging ich zu ihr. Sie ließ sich berühren, doch mit einem souveränem Blick in die Ferne. Nur einmal hörte ich sie böse fauchen, als eine graue Katze zögernd das Trittbrett unseres Wagens betreten wollte.

Wir wanderten zu stillen Buchten, die in märchenhafter Schönheit träumten. Wir fuhren durch Calanques, deren glasklares, tiefblaues Wasser den Blick bis auf den Grund des Meeres ermöglichte. Wir aßen die köstlichen „Früchte des Meeres“ und kosteten die berühmte Bouillabaisse in provenzalischer Gemütlichkeit eines kleinen, malerischen Fischerortes, der sich Cassis nennt. Nie haben wir das Meer schöner gesehen als von der hohen Steilküste über La Ciotat. Wir schauten in tiefes Smaragdgrün über silberhelles Fischgeflimmer, sahen es tintenblau und in der Farbe des Azur. Wir waren sehr glücklich in dieser sommermüden , stillen Landschaft des Südens.

Als eines Abends die weit entfernte Rundfunkstimme von Kämpfen im Sinai und in Syrien, vom gewaltigen Flottenaufmarsch im Mittelmeer sprach, waren wir still. Wir dachten nicht an die eventuell gefährdete Heimkehr, sondern an das vielleicht nicht mehr mögliche Wiederkommen.

Als unser Urlaub zu Ende ging und wir packten, begann die Katze zu miauen. Sie spürte unsere Vorbereitungen, noch bevor wir sie richtig trafen. Sie ging aufgeregt mit langen, steifen Beinen durch den Wagen hin und her. Ihr Miauen rührte uns. Wohl jeder hätte den gleichen Wunsch gehabt wie wir: sie mitzunehmen. Wir sprachen nicht davon, sondern dachten es nur. Wir wollten uns nicht vom Abschiedsschmerz um eine kleine, französische Katze übermannen lassen, und doch waren die Pinienzweige verdächtig feucht, die ich auf das Dach ihres kleinen Hauses legte. Mein Mann hatte es ihr aus festem Karton gebaut. Sie setzte sich hinein wie ein braves Kind und blieb darin sitzen, als hätte sie dies schon hundertmal getan.

Am Abend fuhren wir über den steinigen Campingweg, vorbei an den schönen Tamarisken, die ich gerne wieder sehen möchte. Und unsere Katze. Ob sie mich wieder erkennen würde? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass sie uns nachgeschaut hat, obwohl ich es nicht gesehen habe. Manchmal kann man sich nicht umdrehen.

Noch immer stehe ich am Fenster und schaue hinaus. Ich frage mich, warum wir nicht den Mut hatten, sie mitzunehmen. Nein, nein. Draußen rauscht der Wind jetzt stärker durch die Bäume. Es ist sehr kalt geworden, und bald wird es zu schneien beginnen. Das aber, glaube ich, wäre wohl nichts für ein zartes Katzenkind aus dem sonnigen Süden gewesen.

Edith Hartmann