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Die Vogelfrau

Esther joggte nach einem harten Arbeitstag gern die schmalen Pfade einer Wiese entlang, die Spazierende und Hundebeine bei ihren täglichen Gängen angelegt hatten und für sie leicht zu erreichen waren. An manchen Abenden war niemand unterwegs. An anderen gesellten sich Hunde an ihre Seite, galt es, den einen oder anderen Nachbarn zu begrüßen. Meistens geschah dieses durch ein Heben der Hand, ein Lächeln in den Augen.
An dem mächtigen Stamm einer gefällten Pappel pflegte sie anzuhalten, um dort Dehnübungen zu machen, im Blick den hohen Waldrand, über dessen Wipfel Vögel kreisten. Esther fühlte sich der Natur verbunden. Hingen die Wolken tief über den Wiesen, hatte sie das Gefühl, sie liefe hinein in eine Unendlichkeit, die sie aufnehmen und davontragen würde. Neigte sich der Tag dem Ende zu, verlor sie sich im Farbspiel der untergehenden Sonne, dem Horizont, der Grenzen setzte und sich später im Dunkel verlor.

An einem der späten Herbstabende joggte vor ihr eine schmale Gestalt. Sie hielt sich sehr gerade und Esther erkannte, dass es eine trainierte Frau war, die flott und gleichmäßig einer festgesetzten Zeit zu folgen schien. Auch sie unterbrach am Stamm der gefällten Pappel ihren Lauf und kräftigte sich durch Dehnübungen. Neigte sie sich über das jeweils ausgestreckte Bein, war die Fülle ihrer braunen Haare nicht zu übersehen. Aus dem schmalen Gesicht, die Dame hatte einen kleinen Kopf, war es glatt nach hinten gezogen und zu einem stattlichen Haarkranz zusammen- gefasst worden. Seltsamerweise glich es einem Vogelnest über einem Vogelkopf. Setzte sich die Joggende wieder in Bewegung, wippte der Haarkranz im abendlichen Wind. Die kreisenden Bewegungen der Arme erinnerten Esther an Propeller, vermittelten das Bild, als bereite sich die Joggende auf einen Flug vor. Stets befand sich ein Schwarm Vögel über ihr. Näherte sie sich dem Waldrand, krächzten sie bedrohlich und schienen sich ihr im Sturzflug zuzuwenden. Da begann die Joggende in einem hellen Sopran zu singen, blieb einen Moment stehen und schien mit den Vögeln zu kommunizieren. Erst als sie sich einem Haus näherte, ließen sie von ihr ab.

Esther beobachtete das an vielen Abenden. Es war ein Spiel mit den Vögeln, dem Wind und der Frau mit dem Haarkranz. An kälteren Tagen, wenn sich weißer Nebel über den Wiesen bildete, wirkte es gespenstig. Und oft schien es, als werde die Joggende vor ihren Augen in ein traumhaftes Land davon getragen, das sich im rötlichen Licht der untergehenden Sonne verbarg.

Nach einem langen Winter war es Frühling geworden. Auf den Wiesen zeigte sich das Gras in kräftigem Grün, blühten Gänseblümchen, Wiesenschaumkraut und Butterblumen. Es duftete nach Erde, die sich öffnete und von Fruchtbarkeit sprach.

An einem der lauen Abende folgte Esther der Joggenden in dem gewohnten Abstand. Gedankenverloren war sie auf ihrem Lauf, da geschah etwas: Sie hörte ein kräftigeres Gekrächze von Vögeln über sich. Schwarze Krähen, Elstern und ein Bussard kreisten über der schmalen Frau vor ihr. Es war ein Vogelschwarm in einer Dichte, der beängstigte. Was bereitete sich hier vor? Kurz bevor die Frau vor ihr den Waldrand erreichte und ehe sie abwehrend beide Arme erhob, stürzte sich ein Mäusebussard im Senkflug auf ihren Hinterkopf und hackte mit seinem spitzen Schnabel auf sie ein. Esther beschleunigte ihre Schritte. Erst als sie die jetzt am Boden Liegende erreichte, sie versuchte, Augen und Gesicht mit den Händen zu schützen, ließ der Mäusebussard von ihr ab, flog dem Schwarm nach, verfolgte ein Ziel, flog zu einer hohen Eiche.

Der prächtige Haarkranz der Frau hatte sich gelöst. Wind scheitelte das Haar über ihrer Schulter. Esther erkannte einen Schnabelhieb, den Abdruck von Vogelkrallen. Behutsam half sie der Liegenden aufzustehen. Diese strich sich noch benommen über die Hose, die Arme. Ein schwarzer Hund war plötzlich an ihrer Seite, umstrich sie, stupste sie am Knie. Ein Mann näherte sich. Er hielt ein Fernglas in der Hand. „Das“, sagte er, hätte böse ausgehen können, „der Bussard hat am Waldrand seinen Horst. Ich beobachte ihn seit Tagen. Er sah in Ihnen die Vogelfrau. Mit Ihrem Haarkranz bedeuteten sie für ihn eine Gefahr für seine Jungen!“ Die blauen Augen der schmalen Frau leuchteten schalkhaft. Sie begann zu lachen, öffnete den Mund und sang ihn hellstem Sopran:

Ein Vogelsänger bin ich ja. Stets lustig, heissa, hoppsasssa!
Ich Vogelsänger bin bekannt. Bei Alt und Jung im ganzen Land.
Weiß mit dem Locken umzugeh’n.
Und mich aufs Pfeifen zu versteh’n.
Drum kann ich froh und lustig sein.
Denn alle Vögel sind ja mein.

Noch im erneuten Lauf sang die Vogelfrau vor sich hin. Der Hund trabte in ihrer Nähe. Der Mann mit dem Fernglas rief ihr nach: „Vergessen Sie morgen nicht, eine Mütze aufzusetzen oder stülpen Sie einen Hut über Ihr Haar. Wedeln sie kräftig mit den Armen, wenn sich ein gefiedertes Wesen auf Sie stürzt!“ Ein hoch gehobener Arm, ein Winken verriet, dass sie es verstanden hatte.

Es war kühler geworden. Esther fröstelte. Über den Wiesen breitete sich ein weißer Bodennebel. In der Luft übte sich ein Schwarm von Vögeln in Formationen. Es roch nach Erde und sattem Frühlingsgras. – Die Vogelfrau, wo war sie geblieben?

Inge Zahn


Gemäß des Berichtes eines Fachtierarztes, der Wildvögel medizinisch betreut, versucht der Vogel zunächst, dem Läufer einen Schreck einzujagen. Er sorgt sich um seine Brut. Von März bis etwa zum Juni brüten die Vögel und ziehen ihre Jungen auf. – Bei den auffälligen Tieren handelt es sich meistens um Mäusebussarde. Sie kommen in Deutschland am meisten vor. Rotmilane und Habichte sind auch für Angriffe bekannt. Mäusebussarde ziehen näher an Wohngebiete heran. Ist ein Stadtpark in der Nähe, erbeuten sie mehr Mäuse als auf Feldern, die mit Pestiziden behandelt werden.

Quelle: © Natur und Umwelt, Bericht von Barbara Driessen 11-05-2015