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Gedenken an Theodor Storm

Als ich klein war, brachte mir meine Großmutter Theodor Storm nahe. Seine Gedichte und die vielen Erzählungen. Sie waren traurig, aber lebensnah und doch mit etwas Hoffnung erfüllt. Wie habe ich mit den Personen, die in den Geschichten beschrieben waren, mitgelitten. So manche Träne wurde vergossen. Aber ich habe mich danach immer gefreut, dass es in meiner frühen Kindheit noch nicht so traurig zuging. Das sollte erst viel später kommen, als ich das Leben zu leben erlernen musste.

Zu meiner Großmutter bin ich sehr gerne gegangen, weil sie immer Zeit für mich hatte. Das Allerschönste war, wenn sie mir aus den Märchenbüchern vorlas. Sie sang mir die alten Volksweisen vor, während ich auf ihren Knien saß, sie mich zärtlich umfasste und mit ihrem Sing-Sang im Takt schaukelte. Es war friedlich und still im Raum, nur die Uhr tickte leise und der Webstuhl hatte mal Pause. Großmutter war sehr belesen. Sie wusste fast alles, worauf so ein kleiner Kinderkopf eine Antwort haben wollte.

Woran ich mich heute noch sehr gerne erinnere, war die Zeit der Vorweihnacht. Oft rief sie: „Komm, wir machen uns ein kleines Schummerstündchen und setzen uns an den warmen Kachelofen. Ich trinke meinen Kaffee und lese dir was vor. Vielleicht von dem kleinen Häwelmann, der nie genug bekommen konnte, oder doch lieber Pole Poppenspäler. Oder von der müden Regentrude?

Oh ja, die Regentrude, diese Geschichte hörte ich gerne. Da konnte ich mir den heißen Sommer vorstellen, wenn ich in der Sonne barfuß über die Stoppelfelder rannte und es in der Geschichte dann endlich regnete. Da lief ich in Gedanken mit hinaus, durchquerte die Pfützen so dass die Wassertropfen im Sonnenlicht bunt schillerten, ließ mir die Regentropfen auf mein Gesicht fallen, bis ich völlig durchnässt war und voller Angst versuchte das Haus zu erreichen, wenn es anfing zu blitzen und zu donnern.

Bei diesen Vorstellungen kuschelte ich mich fester an Großmutter, fühlte ein Beschütztsein und ein großes Behagen. Ich warf einfach glücklich. – Pole Poppenspäler war mir zu traurig. Ich vergoss Tränen über die immer herumreisenden armen Puppenspieler, die hungern mussten, kein eigenes Bett hatten und von der Gesellschaft ausgeschlossen waren. Auch über die strenge Mutter dachte ich nach – ein Glück, ich hatte keine solche Mutter. Aber ich lernte mit zu fühlen, wie es wäre, auch arm zu sein.

Barfußlaufen, das gefiel mir. Das war nicht so schlimm anzuhören, wenn andere es taten. Denn immer wieder zog ich meine Schuhe aus und lief mit den anderen Kindern über sandige Wege, Wiesen und Felder. Es war ein schönes Gefühl, wenn ich über die Wiese hinunter laufen konnte zum See, dann längs des Sandstrandes Luftsprünge machte, so dass das Wasser hoch aufspritzte. Vor kindlichem Glück schrie ich gegen den Wind an bis ich heiser war und ganz außer Atem wieder bei Großmutter ankam.

Sie stand dann schon vor der Haustür und erwartete mich mit einem großen bunten Handtuch. Ich wurde trocken gerubbelt und dabei flüsterte sie immer wie schön es sei, dass ich wieder da wäre. Danach gab es einen Becher warmen Kakao. Ich schloss die Augen und genoss alles mit prallen Sinnen. Dabei fühlte ich mich so froh, glücklich und zufrieden.
Später, als ich in der Schule lesen lernte, lasen wir auch die Regentrude und Pole Poppenspäler. Da fand ich die Puppenspieler nicht mehr so traurig. Interessanter fand ich nun die Marionetten und Handpuppen. Ein Kasperletheater zu besitzen, war mein größter Wunsch. Zu Weihnachten war es da. Ich spielte mit meiner kleinen Kinderfreundin die Märchen, die wir liebten nach, auch viele selbst erdachte Geschichten. Es machte viel Spaß in der dunklen, geheimnisvollen Winterzeit.

Später zog es mich mehr zu Büchern hin. Man konnte sich hineindenken, nachdenken, träumen. Ein ganzer Film spulte sich im Kopf ab. Es brauchte eine geraume Zeit, bis man wieder in der Wirklichkeit angelangt war. Aus der Bibliothek meiner Großmutter holte ich mir bald die Bücher selbst. Sie standen in meiner Reichweite, von Großmutter sorgsam ausgewählt. Mein Herz schlug schneller, wenn ich die wunderbar gebundenen Bücher mit Goldprägung aufschlug, wenn das Papier leise raschelte, die Druckerschwärze so angenehm roch, wenn ich die gedruckten Buchstaben lesend verschlang und endlich an dieser geschriebenen Welt teilhaben konnte. Was war das für eine Freude, die Sammlung von Theodor Storm zu durchstöbern, als ich das Gedicht „Abseits“ fand. Ob es von einer fernen – für mich unerreichbaren Welt erzählte – das musste ich unbedingt herausfinden. So nahm ich oft dieses Buch unter den Arm und lief damit in den Garten. Drüben auf der Anhöhe sah ich einen Schäfer mit seinen vielen Schafen. Die Mittagssonne schien auch, nur die Heide habe ich nicht gefunden. Es war ruhig und still. Ich sah die Lerchen ganz hoch am blauen Himmel fliegen und auf der Wiese die Goldkäfer und Ameisen eilig durch die Grashalme wuseln. Einen Kätner sah ich nicht. Nur Emils alten Großvater. Er saß auf der Bank vor dem Haus und war in der warmen Sonne eingeschlafen. Es war fast genauso wie in dem Gedicht:

Kein Klang der aufgeregten Zeit – drang noch in diese Einsamkeit. Um mich herum war aber Wirklichkeit. Und ich lernte durch dieses Gedicht meine Umgebung genauer zu betrachten und genau hinzusehen.

Später, viel später, nach unserer Flucht, lernten wir in der Schule mit unserem Musiklehrer „Es waren zwei Königskinder . . .“. Wie traurig es war. Ich hörte in meinen Gedanken meine Großmutter singen – und wurde stumm. – Dann kam die „Backfischzeit“. Es gab keine Bibliothek und keine Großmutter mehr. Nun musste ich mir die Bücher ausleihen. Doch die 20 Pfennige hatte ich mir für die Stadtbücherei in der der Zeit der Knappheit, Hunger, Kälte und Armut zusammengespart. Theodor Storm suchte ich und fand in einem der Bücher „Die graue Stadt am Meer“. – Das Heimweh packte mich. Jetzt erlebte ich die grausame Realität des Lebens und verstand wie Theodor Storm sein Leben erlebt und in nahe, greifbare Worte gefasst hatte. Durch den „Schimmelreiter“ und „Viola tricolor“ lernte ich die ganze Spannbreite des Erdenlebens kennen. Doch Großmutter hatte mich in einer für mich geborgenen Zeit schon darauf vorbereitet.

Als Kind hatte ich sie oft gefragt: „Warum lässt Gott das alles zu?“ Sie antwortete stets, der Allmächtige gäbe den Menschen keine Antwort, vielleicht – weil sie es nicht begreifen würden.

Meine Großmutter hatte Theodor Storm mit dem Herzen gelesen und mir seine Gedanken nahe gebracht. In meinen Erinnerungen aus längst vergangenen Tagen gehören diese Beiden zusammen.

Das ist die Drossel, die da schlägt,
der Frühling, der mein Herz bewegt;
Ich fühle, die sich hold bezeigen,
die Geister aus der Erde steigen.
Das Leben fließet wie ein Traum –
mir ist wie Blume, Blatt und Baum.

(Theodor Storm)

Christa Jedamski