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Griff in die Literaturgeschichte

Am 12. Januar 1746 wurde in Zürich einer der bedeutendsten Pädagogen und Sozialreformer, der große Kinder- und Menschenfreund Johann Heinrich Pestalozzi geboren, als Sohn des Chirurgus Johann Baptist Pestalozzi und dessen Frau Susanne Hotz.

Nach dem Besuch der Elementarschule (ab 1751) wurde er Schüler der Schola Abbatissana, der Schola Carolina und des Collegium humanitatis. Nach seinem Studium der Philologie und Philosophie am Collegium Carolinum in Zürich (ab 1763) begann er 1767 eine landwirtschaftliche Lehre bei Johann Rudolf Tschiffeli. Er wurde zwei Jahre später Landwirt in Müllingen und heiratete Anna Schultheß.
Durch Rousseau zur Volkserziehung angeregt, gründete er Mitte der 70er Jahre des 18. Jahrhunderts im Neuhof auf dem Birrfeld im Aargau, wo er einen landwirtshaftlichen Betrieb aufgebaut hatte, zusammen mit seiner Frau Anna eine Erziehungsanstalt für arme Kinder. Es gelang ihm fünfzig Bettelkinder, die er in seinem Gut aufnahm, unter Aufopferung und Einsatz seines Vermögens, zu ordentlichen Menschen zu erziehen.
Pestalozzis pädagogisches Grundanliegen war: statt des nur mechanischen Einprägens von Wissensmaterial die geistigen und körperlichen Kräfte der Kinder gezielt zu fördern. Er wurde dadurch Wegbereiter für die späteren Volksschulen und entwickelte als „Reformator des Elementarunterrichts“ eine neue Bildung der Lehrer.

Nachdem bereits 1777 seine „Neuhofschriften“ erschienen waren, stellte er später sein pädagogisches Programm u.d.T. „Abendstunde eines Einsiedlers“ vor. Fundament seiner humanen Erziehung war für Pestalozzi die Familie. Anschaulich belebt der Pädagoge seine Ideale in den Geschichten „Lienhard und Gertrud“ (1781-87), „Christoph und Else“ (1801). 1792 wurde Pestalozzi zum französischen Ehrenbürger ernannt ein Jahr später schrieb er seine Revolutionsschrift „Ja oder Nein“. 1798 wurde er gar Redakteur des „Helvetischen Volksblattes“.

Ab 1798 leitete Pestalozzi das Waisenhaus in Stans. 1799 war er Lehrer in Burgdorf. 1804 wurde das Institut nach München-Buchsee verlegt, eine Zweigniederlassung in Iferten (Yverden) mit einem Töchterinstitut gegründet.

1810 verließ einer der begabtesten Mitarbeiter Pestalozzis, Joseph Schmid, mit mehreren Lehrern seinen Meister, kehrte aber fünf Jahre später nach Iferten zurück.
Streit in der Lehrerschaft führte zum Niedergang des Instituts und der ab 1817 beginnende Zwist mit Pfarrer Johannes Niederer führte schließlich gar zum Verlust des Vertrauens in der Öffentlichkeit. Ein Gerichtsverfahren endete für Pestalozzi etwas günstiger als für Niederer. Trotz mancher Kränkungen und Kämpfe arbeitete Pestalozzi unbeirrt bis ins Greisenalter weiter an seinen Plänen einer neuzeitlichen Erziehung. Unter anderem forderte er die „Anerkennung der Menschenwürde“ durch Überwindung der Standesunterschiede, sowie Bildung für alle!

Nachdem er 1825 sein Institut in Iferten aufgegeben hatte, kehrte er zum Neuhof zurück. Im letzten Lebensjahr schrieb er die Bekenntnisschrift „Meine Lebensschicksale als Vorsteher meiner Erziehungsanstalten in Burgdorf und Iferten“, zum Teil u.d.T. „Schwanengesang“. Darin verurteilt er hart seine eigenen Mängel, freilich auch jene seiner langjährigen Mitarbeiter. Als seine Gegner darauf einen „Beitrag zur Biographie Pestalozzis“ veröffentlichen, arbeitet er rastlos an einer Erwiderung, erkrankte dabei erneut an einem alten Gallenleiden und starb am 17. Februar 1827 in Brugg. Wunschgemäß wurde er zwei Tage später auf dem Friedhof neben der Dorfschule zu Birr beerdigt.

Wurden schon zu Lebzeiten Pestalozzis seine Ideen der natürlichen, humanen Erziehung in Europa verbreitet und von sogenannten „Pestalozzianern“ wie Fröbel, Diesterweg oder Runge, praktisch verwirklicht, entstanden bald in vielen Ländern Schulen, Musteranstalten und Lehrerbildugsstätten, denen ab Mitte des 20. Jahrhunderts Pestalozzi-Kinderdörfer für Waisen und Flüchtlingskinder aller Nationen und Rassen folgten.