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Heimkehren

Als ich neulich – wie an jedem Werktag – mein Büro verlassen hatte und mit dem Zug nach Hause gefahren war, fand ich zu meiner nicht geringen Überraschung weder am Briefkasten noch am Klingelschild meinen Namen.

Natürlichwar ich von der Arbeit angestgrengt und schon etwas müde, aber die Heimkehr war doch eine ganz und gar gewöhnliche Angelegenheit. Und es war ja zweifelsfrei das dreistöckige Haus, in dem ich wohnte. Auch der Straßenname und die Hausnummer stimmten. Ich rieb mir die Augen. Was indes das Rätsel nicht zu lösen vermochte.

Mir blieb vorerst nichts anderes übrig, als die Hauswand abermals emporzuschauen und zu warten. Die Namen der übrigen Mietparteien waren unverändert.Wie sinnlos war das Ganze! Doch was sollte ich tun?
Nach geraumer Weile öffnete sich die Haustür, und mein Nachbar vom zweiten Stock kam heraus. Rasch überwand ich meine Bedenken, grüßte ihn wie immer und wollte an ihm vorbei ins Treppenhaus gehen. Er aber sagte, er könne keinen Fremden ins Haus lassen, und fragte, was ich denn überhaupt wolle. Ich nannte meinen Namen und erklärte, dass ich die Absicht hätte, in meine Wohnung zu gehen. Da lächelte er wie jemand, der ein Geheimnis kennt, das er zu bewahren trachtet.

Es bleibe dabei, bemerkte er sodann, dass er mich nicht einlassen könne. Gleichwohl sei er bereit, mir einen Gefallen zu erweisen und mir jede Wohnungstür und das zugehörige Namensschild zu zeigen. Dann kletterte er unversehens an mir hoch und machte es sich, wie ich den Lauten entnahm, die er von sich gab, auf meinem Kopf bequem. Unter anderen Umständen hätte ich mich fraglos zu wehren gewusst, aber ich wollte doch auf jeden Fall endlich in meine Wohnung gelangen.So ließ ich ihn, wenn auch missmutig, gewähren. Ich solle nur, rief er vergnügt, mutig treppauf gehen, dann würde sich schon alles klären.
Die Last war – das ist leicht einzusehen – beträchtlich, ich kam infolgedessen nur langsam voran. An jeder Tür las ich den bekannten Namen, einzig an meiner Wohnung befand sich ein mir gänzlich fremdes Schild. Sehen Sie, triumphierte der Mann, Sie müssen sich geirrt haben.

Als ich schließlich, schwer keuchend, hinabstieg, war mir die Sache beinahe gleichgültig. Ich wollte nur eines: mich von der drückenden Bürde auf meinem Kopf befreien. In dem Moment, als ich im Begriffe stand, den Hausein- gang zu erreichen , durchzuckte ein stechender Schmerz meinen Nacken.

Ich öffnete die Augen und streckte mich ein paar Mal. Dann löschte ich das Licht im Büro und ging, wenn auch später als üblich, zum Bahnhof.

Thomas Berger
Aus: ANDERNORTS mit Farbfotos von Wolfgang Hoffmann
© Edition Märkische LebensART
ISBN 978-3-943614-15-2