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Stärker als frischer Wind

Zerborstene Äste, dünne Zweige, liegen verstreut auf dem graubraunen Waldboden. Entwurzelte Kiefern strecken ihre Wurzelarme aus dem lockeren Erdreich. Dieser Sturm, er verändert. Er schlägt lichtdurchflutete, freie Waldlichtungen in den dichten, dunklen Nadelwald. Runde Waldlichtungen entstehen. In ihnen entfaltet sich die uns umgebende unsichtbare Macht.

Ich spaziere gerne im Wald, höre das Zwitschern verschiedenster kleiner und größerer Vögel. Entdecke freudig in einem dieser Lichtungen meine hölzerne Seelenkiste mit den vielen, vollgestopften Fächern wieder. Das braune Holz, morsch von überstandenen Jahreszeiten, in denen ich ihn vergaß. Zeiten, die ich ohne ihn überstand. Erstaunen liegt tief in mir, lässt mich unsichtbare Schwingungen in dieser einen, besonderen Waldlichtung wahrnehmen, durch die ich wie im Traum schreite. Die Schönheit des in diese freie Waldfläche einfallenden Lichtes taucht mich in eine unwirkliche Umgebung, so dass sich meine Seele von mir unerwartet wie ein verschlossenes Buch weit öffnet.

Ich gerate aus meinem gewohnten, inneren Gleichgewicht, fühle mich von sich im Lebenswind biegenden Bäumen umgeben. Alles um mich herum und in mir verändert sich durch das Öffnen des jetzt dunkelbraunen Seelenkastens, der verquollen ist durch die Jahre. Auf der Lichtung gelingt das, worauf ich schon lange wartete, aufgehört hatte zu warten. Ich habe das Gefühl, als werde ich auf ein anderes Gleis verschoben. Ungefragt. Gerade jetzt! Der verrostete Verschluss des Kastens springt durch die Wucht des sich verstärkenden Seelenwindes laut quietschend auf. Das Holz knarrt in seinem verquollenen Zustand.

Ich bin allein mit mir selbst. Eine Brise weht, verstärkt sich zu einem Orkan mit mich umgebenden schwarzgrauen, wütenden Wolken. Sie fegen durch meine Seele, das gute Versteck in meinem Inneren.
Ohnmächtig, hilflos liege ich im Bett. Sich veränderndes Leben stürzt auf mich ein. Von allen Seiten. Ich schaffe es nicht, es aus mir zu lösen. Ich kann nicht schlafen. Liege im Bett auf meinem Rücken. Gedanken wiederholen sich. Ein immer gleiches Denken. Fühle mich überfordert.

Er, ein Mann, ist nach langem sich Mühen bis in mein Innerstes vorgedrungen. Mit einem Mal verändere ich mich. Werde weich. Auch meine Sprechweise zusammen mit meinem Sein. Weiter stürmt dieses neue Leben in dieser Nacht durch mich hindurch. Deckt auf, wer ich bin. Das innere Wirbeln, das sich Biegen der Bäume. Vergessenes wird ans Licht gezerrt. Ohne Unterlass denke ich. Mitten im Frühling. Unerwartet verringert sich das Toben in mir. Ruhe schleicht sich in mich hinein, langsam wie auf Katzenpfötchen, gepaart mit dem betörenden, aufsteigendem Duft der Erde, der erwachenden Frühlingsnatur. Manchmal sehr herb, wie die Schlehenbüsche am Waldrand. In strahlendem Weiß, wie die Holzkirschen und die Süßkirschen, die den nahen Sommer ahnen lassen.

Ich fühle mich umweht von meiner vor mir liegenden veränderten Zukunft. Sie wird ans Licht geschoben. Schon früher hörte ich von vielen Seiten: „Du bist keine Deutsche.“ – Was nutzte mir mein deutscher Pass? Namen legten es offen: Drei jüdische Wurzeln versteckten sich in meinen Vorfahren. Unter Biegen und Brechen, mit innerer Sturmgewalt, stürzt diese Realität auf mich ein. Von einer Sekunde auf die andere verändert sich mein gesamtes Sein. Wie soll ich das verarbeiten? Wie damit umgehen? Bewegt höre ich die klaren Worte des Kippa tragenden Mannes: „Für mich bist du eine Jüdin!“ – Diese Worte gehen mir unter die Haut. – Wie all das tragen? Schwer diese Last von über zweitausend Jahren. Sie liegt wie gefällte Holzbäume – zu Bergen aufgehäuft – am Wegesrand. Wird nicht von Holzfällerautos abgefahren, vermehrt sich mit der zu lebenden Gegenwart.

Helma Lossin