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Ein Ort des Lächelns

Eine Mango, ein Reisbällchen und Erkältungsmittel – das genügte, um Shiho Tanaka, der Neunundsiebzigjährigen, endlich wieder ein Gefühl von Sicherheit zu verschaffen. Die seit vielen Jahren allein lebende Frau fristete ihr Dasein mit einer kleinen Rente. Ihr Mann, der vor neunzehn Jahren gestorben war, hatte sie schlecht behandelt, obgleich sie sich stets in die von der japanischen Gesellschaft erwartete unterwürfige und dienende Rolle gefügt hatte. Kinder hatte sie, gewiss, sogar drei, aber diese hatten das Dorf längst verlassen und arbeiteten in Nagoya, dem viertgrößten Industriezentrum des Landes. An einen Besuch der Söhne bei ihr konnte sie sich nicht erinnern.

Schwer lastete die Einsamkeit auf ihr. Doch die Lage war nicht hoffnungslos. Sie brauchte nur in den Laden zu schlurfen und zuzugreifen. Eine Mango, ein Reisbällchen und Erkältungsmittel verschwanden in ihrem Mantel. Sie wusste aus Erfahrung, welch angenehme Folgen dies mit sich brachte.

Der Weckruf hallte durch die Flure. Die Insassinnen standen auf, wuschen sich und zogen die beigefarbenen Pyjamas an. Bedienstete schoben eine Schale Reis, Miso-Suppe und Tee durch die Zellenschlitze. Das warme Getränk tat Shiho Tanaka gut; denn in Tochigi, dem größten Frauengefängnis Japans, wurde nicht geheizt. Sie freute sich, nach dem Frühstück in die Fabrik gehen zu können. Dort war sie mit anderen zusammen. Unter der Aufsicht einer Vollzugsbeamtin mussten die überwiegend alten Häftlinge Blätter von Papierstapeln zählen. Das war natürlich eine ziemlich sinnlose Aufgabe. Doch das machte ihr nichts aus. Ihr war wichtig, dass sie, anders als in ihrem beinahe entvölkerten Dorf, eine gewisse Aufmerksamkeit erfuhr und sie in einer Gemeinschaft lebte – so hart und karg die Verhältnisse auch waren.

Am Nachmittag würde sie in der Sporthalle Federball spielen, was ihr trotz mancher Gebrechen, die sie plagten, immer Vergnügen bereitete.

Manchmal lag sie abends lange wach auf dem Eisenbett. Dann musste sie daran denken, dass ihre Strafe bedauerlicherweise bald abgelaufen war. Es war bereits das dritte Mal, dass sie in Tochigi einsaß. Sie hatte der Direktorin versprochen, nicht mehr wiederzukommen. Das wollte sie auch diesmal tun. Aber genauso fest stand für sie, dass sie auf keinen Fall einsam und unbemerkt sterben wollte, wie so viele Japanerinnen im hohen Alter. Abgekapselt hatte sie lange genug gelebt. Und ihre Kinder, die sich wohl ihrer schämten, würde sie vermutlich nie mehr wiedersehen. Nein, die letzte Lebensphase sollte angenehm für sie sein. An heimischer Stätte würde sie den Tod erwarten. Es muss ja keine Mango, kein Reisbällchen und kein Erkältungsmittel sein, lächelte sie.