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Er hat den Kindern unglaubliche Dienste geleistet…

Dem Menschenfreund und Sprachwissenschaftler
Joachim Heinrich Campe

Vor 252 Jahren, am 29. Juni 1746, wurde in Deensen, einem Dorf zwischen Hils und Solling im Weserbergland, der große Pädagoge, Sprachwissen-schaftler und Jugendbuchschriftsteller Johann Hein rich Campe in der heutigen Robinson-Crusoe-Straße 2 geboren. Sein Vater, Burchard Hilmar, ein Landbesitzer und Textilhändler, stammte aus einem braun-schweigischen Adelsgeschlecht. Seine Mutter, Anna Sophia Maria, war eine geborene Klingemann.

Zunächst besuchte Joachim Heinrich die Deensener Dorfschule, wurde aber bald von Hauslehrern unterrichtet. Mit 14 Jahren wurde er in eine Klosterschule in Holzminden (Gymnasium) eingewiesen. Von 1756-1767 studierte Campe in Helmstedt, von 1768-1769 in Halle Evangelische Theologie. In dieser Zeit erschienen bereits seine ersten Publikationen: „Das Testament“ (1766) und „Satiren“ (1768).

1769 erhielt J.H. Campe die ehrenvolle Aufgabe als Hauslehrer der Familie von Humboldt im Schloss Tegel bei Berlin die Brüder Alexander und Wilhelm zu erziehen. Unterbrochen wurde diese Tätigkeit (sie endete erst 1776) vorübergehend, da der junge Pädagoge zum Feldprediger in Potsdam bestellt wurde. Dort entwarf er nach einem Plan zur Erziehung der preußischen Kronprinzen. – Nur klurzfristig predigte Campe 1776 an der Potsdamer Heilig-Geist-Kirche, dann nahm er eine Einladung des Fürsten Franz von Dessau an, als „Educationsrath“ (Erziehungsrat) unter der Leitung des damals berühmten Erziehers Bernhard Basedow am Philantropium mitzuarbeiten. Noch im selben Jahr wird er zum Direktor des Instituts (der Menschenfreunde) . Dank seiner wirtschaftlichen Erfolge und pädagogischen Grundsätze wird er rasch im ganzen Land bekannt und geschätzt. Nach einem Zwist mit Basedow verließ Campe Dessau spontan, arbeitete in Hammer Deich bei Hamburg in der Landwirtschaft und Gärtnerei, begründete und leitete aber bereits ein Jahr später eine eigene, an der Familie ausgerichtete Erziehungsanstalt für Kinder angesehener Kaufherren, um seine neuzeitlichen pädagogischen Ideen verwirklichen zu können. Es erschien das „Sittenbüchlein für Kinder aus gesitteten Ständen“ (1777) und eine „Sammlung einiger Erziehungsschriften“ (1778).

Anfang der achtziger Jahres des 18. Jahrunderts betraute Campe Ernst Christian Trapp mit der Leitung der Erziehungsanstalt und ließ sich in Trittau (Holstein) als pädagogischer Schriftsteller nieder. – Zuvor hatte ihn die Herausgabe seines frei nach dem Text des Dichters Daniel Defoe bearbeiteten Jugendbuches „Robinson der Jüngere“ größte Erfolge gebracht und ihn durch viele Übersetzungen in die meisten europäische Sprachen weltberühmt gemacht.

„Die Entdeckung von Amerika“ (1781/82) für Kinder erzählt, folgte. Campe wurde damals auch Mitarbeiter der „Hamburgischen Adresscomptoir-Nachrichten“. Er schrieb aber auch hilf- und lehrreiche Bücher für junge Menschen: „Theophron oder der erfahrene Ratgeber für die unerfahrene Jugend“ (1783) und die „Sammlung interessanter und zweckmäßig abgefasster Reisebeschreibungen für die Jugend“ (1785). In den Jahren 1779-1784 gab er einen „Hamburgischen Kinderalmanach“ heraus. „Sämtliche Kinder- und Jugendschriften“, die der Pädagoge 1817 seinen jungen Freunden hinterließ als „Ausgabe letzter Hand“ füllten stattliche 37 Bände.

Goethe – er begegnete Campe 1810 in Karlsbad – schrieb achtungsvoll über ihn: „Er hat den Kindern unglaubliche Dienste geleistet; er ist ihr Entzücken und sozusagen ihr Evangelium“. 1786 berief ihn Karl Wilhelm Ferdinand Herzog von Braunschweig zum braunschweigisch-lüne-burgischem Schulrat; u.a. sollte er das Schulwesen menschlicher gestalten. Seine neue Wohnstätte war Schloß Salzdahlem.

Nun entstanden auch pädagogisch-sozial- und sprachwissenschaftliche Werke wie: „Allgemeine Revision des gesamten Schul- und Er-ziehungswesens“ (1785-1791) oder „Über einige verkannte, wenigstens ungenützte Mittel zur Beförderung der Industrie der Bevölkerung und des öffentlichen Wohlstandes“ (1786), sowie das verdienstvolle „Wörterbuch zur Erklärung und Verdeutschung der unserer Sprache aufgedrungenen fremden Ausdrücke“. Ein solches Werk wäre auch den Deutschen unserer Zeit sehr zu empfehlen, um der galoppierenden Zerstörung unserer Sprache durch immer mehr Fremdwörter Einhalt zu gebieten!

Ein fünfbändiges „Wörterbuch der deutschen Sprache“ gab j. H. Campe gemeinsam mit Th. Bernd und Joh. G. Radlof zwischen 1807-1812 heraus. Eduard Engel lobte in seiner Deutschen Literaturgeschichte der Sprachwissenschaftler: „Am meisten zu rühmen ist an Campe die Deutschheit seiner Sprache – manches Wort, z.B. „Feingefühl“ neben Takt – „Beweggrund“ statt Motiv, verdanken wir dem einst ungerecht verspotteten Campe“.

1794 wurde Campes Veröffentlichung: „Ueber die Reinigung und Bereicherung der deutschen Sprache“ von der Berliner Akademie preisgekrönt. J. H. Campe übernahm die zum Waisenhaus in Braunschweig gehörende Buchhandlung und Druckerei, die sein Schwiegersohn, der Berliner Buchhändler Friedrich Vieweg, später übernahm und zu einer der namhaftesten Schulbuch-Verklags-buchhandlungen Deutschlands ausbaute. Längst schon hatte Campe bedeutende Dichter seiner Zeit kennen gelernt, wie Klopstock, Matthias Claudius und Lessing, der Campe als „einen festen unschwärmerischen Mann zu schätzen“ wusste. Auch korrespondierte er mit dem Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi, dem Verlagsbuchhändler Christoph Friedrich Nicolai und dem Theologen Lavater u.a.! Gern schrieb Campe Briefe von unterwegs. Bemerkenswert ist die Sammlung „Briefe einer Reise von Braunschweig nach Paris im Heumonat 1789“. Die „Briefe aus der Zeit der Revolution „ (1790) sind als wesentliche Zeitdokumente zu bewerten. In seiner Vorrede öäußert sich der Verfasser u.a.: „Auch dieses wird man beim Lesen (der Briefe) nicht vergessen, dass mein günstiges Geschick mich gerade zu einer Zeit nach Frankreich führte, da die ersten gräulichen Auftritte der Revolution schon vorüber, die letzteren aber noch nicht erfolgt waren, so dass mein dortiger Aufenthalt gerade in diejenige Periode dieser merkwürdigen Begebenheit fiel, in der sie sich dem Zuschauer in ihrer besten und mildesten Seite zeigte“.

Die Ereignisse der Französischen Revolution beschäftigten Campe so stark, dass er 1791 eine „Geschichte der französischen Staatsumwälzung“ verfasste. Daraufhin wurde ihm, dem freiheitlich- und gleichheitsgesinnten Vertreter der Aufklärung ein französisches Bürgerdiplom erteilt. Aber er wurde auch wegen seiner Sympathien für die Revolution bedroht, denunziert und erhielt sogar Zensurauflagen. Campe reagierte hierzu mit seiner Publikation: „An meine Mitbürger“ (1793). Schon früher war er m it der Obrgkeit in Konflikte geraten, damals mit der orthodoxen Kirchenverwaltung. Sie hatte sich negativ über seine reformerischen Lehrpläne und das neu organisierte Schulwesen geäußert. Campe rechtfertigte sich 1787 gegen diese Vorwürfe mit der Veröffentlichung: „An meine Freunde“. 1788 gründete er mit Freunden das „Braunschweiger Journal“.
Anfang des 19. Jahrhunderts ließ J.H. Campe auf einem erworbenen riesigen Gelände vor den Toren Braunschweigs 33.000 Bäume anpflanzen, eine von „pädagogischer Symbolik“ angereicherte Kulturlandschaft, für die der ideenreiche und weit vorausschauende Biotopist ausgezeichnet wurde.

Campe reiste durch England und Frankreich, worüber er in „Briefen an einen jungen Freund in Deutschland“ berichtete, ehe er 1807 zum Deputierten in Kassel, der damaligen westfälischen Hauptstadt, gewählt wurde. Campe setzte sich dafür ein, dass Braunschweig Regierungsssitz des Königsreiches Westfalen unter der Herrschaft von Napoleons Bruder Jérome werden sollte. Immerhin erhielt die Campe-Viewegsche Buchhandlung den Auftrag „offizielle Verlautbarungen der westfälischen Regierung“ zu verlegen.
1809 ernannte die Universität Helmstedt Joachim Heinrich Campe zum „Theologischen Ehrendoktor“. Zunehmende Augen- und Geistesschwäche
hinderten den großen alternden Pädagogen und Reformer immer mehr daran am öffentlichen Geschehen mit Wort und Tat teilzunehmen. Am 22. Oktober 1818 endete sein vielseitiges und erfülltes Leben. Auf dem Grabe in seinem Garten am Viewegschen Haus zu Braunschweig lesen wir wie einen letzten Gruß von ihm die Inschrift:

„Hier ruhet nach einem Leben voll Arbeit und Mühe
zum erstenmale der Pflanzer Joachim Heinrich Campe.
Er pflanzte . . . immer mit gleichem Eifer
und mit gleicher Treue Bäume in Gärten
und Wäldern, Wörter in die Sprache, und
Tugenden in die Herzen der Jugend . . .“