Archive

Motten

Lucie hatte es das erste Mal bemerkt, nachdem sie in Pauls Arbeitszimmer, das sie länger nicht betreten hatte, die Gardine zur Seite schob. Faltenreich war sie rechts und links des Fensters drapiert, champagnerfarben. Fiel in eleganter Fülle. Etwas, kaum wahrnehmbar, flog an ihr vorüber. Eine Fliege war das nicht; sie versuchte zu orten, wo es sich niedergelassen hatte. Ein Insekt? – Eine Motte? Sie blinzelte im hellen Licht der Sonne, konnte nichts erkennen. – Das Telefon läutete in diesem Augenblick draußen im Flur. Sie verließ den Raum, zog die Tür hinter sich zu und öffnete sie später tagelang nicht. Paul war auf Reisen.

Als sie irgendwann, in Gedanken versunken, wieder in sein Arbeitszimmer hineinschaute, schwirrten sie ihr entgegen: Seidenweich, mit leichtem Flügelschlag – Motten! Sie öffnete das Fenster, versuchte sie zu scheuchen. Einige entwichen, andere suchten das Dunkel, verbargen sich hinter Falten. Lucie forschte hinter Büchern und Regalen, strich mit dem Tuch über den Schreibtisch, schaute forschend in Ecken und unter Teppiche, Schreibtisch und Couch. Sie konnte nichts Verdächtiges mehr finden. Sie sann nach einem Vertreiben der ungebetenen Gäste. Der alte Nussbaum im Garten fiel ihr ein, der sich stark verströmende Geruch der Blätter. Ihre Großmutter pflegte sie im Herbst in kleinen brüchig gewordenen Kissenbezügen in die Schränke zu hängen. Motten, sie hatte es in Erinnerung, ließen sich so vertreiben.

Sie zupfte die saftigen Blätter von Geäst, legte sie in Schubladen, in den Schrank und auf Bücher, vergaß nicht, Blätter unter Teppiche zu legen, in Lücken zu schieben. Das Buchregal schien ihr ausgespart von den huschenden Wesen. Bündig schlossen die Bände ab in stattlichen Reihen. Mit dem Pinsel strich sie in den unteren Reihen darüber, wusste dahinter Worte, Sätze in Warteschleife, die ihre Seele berührt hatten. Auf die eine oder andere Weise zu einem Abruf bereit. Nächtens schwirrten sie in ihrem Kopf, fügten sich zu eigenen Gedanken, zu Gebilden voller Härte oder Poesie, öffneten sich zu Erinnerungen und Fragen.

Motten, dachte sie, damals in der Nachkriegszeit sagte man, die Lungenkranken hätten die ‚Motten‘. Gefürchtet hatte sie sich als Kind. Diese Vorstellung: Die Lunge eines Menschen zerfraßen Motten! In einem Hinterhaus im Harz waren sie evakuiert gewesen: Die Mutter, die Schwester und sie. Da gab es im Vorderhaus einen Mann namens Silbernagel. Er kam aus einem der Lager. Sein Husten schreckte die Bewohner auf, tags und nachts. Nachts vor allem, wenn sie wussten, dass über den Hof in Scharen die Ratten huschten. Schaudernd schlossen die Nachbarn ihre Gardinen. Tagsüber konnten sie ihm nicht entgehen: Wachsweiß und ausgezehrt schlurfte er durch das Haus, durchmaß düstere Gänge. Ein Jammerbild. Lag eines Tages tot aufgebahrt in der Waschküche, der Nachbar namens Silbernagel, für Tage den Turnus der auf Wäschewaschen wartende Frauen unterbrechend. Kerzen flackerten durch halbblinde, an jenen Tagen nicht von heißem Dampf beschlagenen Fenstern. Sich gruselnd und flüsternd rannten die Kinder des Hauses daran vorüber.

Motten, dachte Lucie, eine Plage, ein heimlicher Fluch? Die Atridensage der alten Griechen kam ihr in den Sinn, die Ermordung Agamemnons, des Königs von Argos. Da sein Volk diese schweigsam geduldet hatte, wurde es mit einer Fliegenplage bedroht, die sich mehrte, mehrte… – In Anlehnung an diese Sage hatte Jean Paul Sartre in seinem packenden Drama „Die Fliegen“ Akzente gesetzt, es so formuliert, dass Unfreiheit nur durch die Entscheidung der Tat aufgehoben werden könne. Eine begangene Tat und ein sich dazu Bekennen betrachtete er als Akt der Freiheit. Sartre war im Dritten Reich ein führendes Mitglied der Résistance gewesen. – Eine begangene Tat – verfolgte sie den Täter nicht in der Nacht in Träumen?

Paul, dachte Lucie, indem sie das Schwirren der Motten verfolgte und schüttelte den Kopf. Denn trotz der ausgelegten Nussbaumblätter, die Motten vertreiben sollten, umgab sie eine dunkle Wolke, ein Schwirren! Gab es in Pauls Leben blinde Flecken, eine Schuld, etwas, das ihn symbolisch dazu aufforderte, aufzudecken und zu bekennen? – Er war in ernsten Geschäften in fremden Ländern. War sein Handeln dort ein Akt der eigenen Freiheit? Tagelang beschäftigte sie sich mit düsteren Gedanken. Telefonierte sie mit Paul, verlor sie darüber kein Wort. In wenigen Tagen erwartete sie ihn. Wie würde sie ihm begegnen? Ihm, der gemäß Schiller zu sagen pflegte: „Im Hause waltet die tüchtige Hausfrau!“

An dem Mittag vor seiner Rückkehr, als Motten sie beim Eintritt in das Zimmer in Panik versetzten, fiel das Licht der Sonne des Frühsommers hell ein, tasteten sich Strahlen gleißend über Mobiliar und Bücher. Da streifte ihr Blick auf dem höchsten Regal etwas in Süße, das schon zersetzt, rissig und braun wie alte lederne Buchrücken zu erkennen war: Das von den Kindern mit Liebe verzuckerte Lebkuchenhaus! Paul und sie hatten sich davon nicht zu trennen vermögen: das verzuckerte Lebkuchenhaus, ein Geschenk vom Heiligenabend des Vorjahres! Als sie zitternd auf einen Stuhl stieg, es leicht zur Seite schob, stoben sie darunter hervor: Motten

Inge Zahn

Anmerkung: Nachdem Agamemnon, der König von Argos, aus dem Trojanischen Krieg zurückkehrt, hat die Königin Klytämnestra einen Geliebten: „Ägisth“. Dieser ermordete den König und usurpierte den Thron. Er befahl auch, den dreijährigen Sohn Orest zu beseitigen. Seine Männer hatten Mitleid mit ihm und setzten Orest im Wald aus. Von reichen Bürgern wurde Orest aufgenommen. Sein Pädagoge macht ihn vertraut mit den verschiedenen menschlichen Meinungen. „Das Geheimnis der Götter und Könige ist: Menschen sind frei!“ Als der König von Jupiter verlangt, Orest zu zerschmettern, erwidert der Gott mit leiser Stimme: „Ist einmal die Freiheit in einer Menschenseele aufgebrochen, können die Götter nichts mehr gegen diese unternehmen.“