Tante Ernestines Vermächtnis
Geschrieben von: Ilselore Quaß
Wer ist nur Tante Ernestine? denkt Michel. Alle reden von dieser Person.
Schließlich erfährt er, dass die offenbar sonderbare Frau die Tante des Vaters und jetzt natürlich auch die der Mutter und folglich die Tante der Kinder, die von Claudia und Michel, genauer gesagt ihre Großtante ist.
Tante Ernestine ist nicht alt und nicht jung. Sie scheint überhaupt kein Alter zu haben, nur einen Einfluss, der seit langem das Familienleben prägt, wie sonst nichts in diesem Haus.
Sie lebt zwischen den Generationen - etwa 15 Jahre älter als der Vater und viel jünger als dessen Mutter, deren Schwester sie sein soll.
Michel kennt Tante Ernestine nicht einmal persönlich, das heißt, er kann sich nicht an eine solche Person erinnern. Als kleines Kind soll er einmal mit der Tante verreist sein, bekundet man ihm wichtig.
Sie muss zickig und reich sein, soviel ist aus den ständigen Beschreibungen der Erwachsenen zu folgern, und sie setzt ihr Geld als Machtmittel ein, als Erziehungsmethode etwa, gegen ärmere Verwandte. Das behauptet zumindest die Mutter.
Ab und zu kommen Pakete mit sonderbaren Dingen: Zuletzt befand sich ein ganzer geräucherter Schinken in einem Leinensack zwischen selbstgestrickten Pullovern für den Vater und Michel, eine Häkeldecke für die Mutter und ein gehäkeltes Hütchen für Claudia darin. Alles roch so streng, wie dieser Schinken oder gar wie die Tante selbst, wer weiß? Auch noch nach einem halben Jahr.
Während der Vater den Pullover wichtig bei Gartenarbeiten und in seinem Hobbykeller trug, sträubte sich Michel mit der nicht ganz unlogischen Bemerkung, dass er fürchterlich kratzen würde, und abends konnte er tatsächlich seine aufgekratzten Arme präsentieren.
Claudia dachte nicht daran, das Hütchen, das viel zu klein war und dazu noch in dieser rosaroten Bonbonfarbe auffällig leuchtete, zu tragen.
Die Mutter legte die Häkeldecke statt auf den Tisch in eine Schublade der Kommode, in der Hoffnung sie irgendwann bei jemandem als kostenloses Geschenk verwenden zu können.
Trotzdem muss es eine Ehre sein, von der Tante bedacht zu werden, in ihrer Gunst zu stehen, sich ihrer Aufmerksamkeit zu erfreuen, denkt Michel.
Von einer Einladung dieser Person ist sogar oft die Rede. Man fragt sich, ob Tante Ernestine diese annehmen könne, sich gar darüber freuen würde.
Aber warum will man sich in dieser Familie, in der Verwandtenbesuche seit eh und je nicht gerade willkommen waren, gerade mit dieser Tante belasten? fragt sich der Junge.
Bestimmt wird sie viele kratzige Pullover mitbringen, einige stinkende Schinken und die gesamte Wohnung mit Häkeldecken eigenhändig belegen und Rechenschaft von der Mutter fordern, was sie denn mit dem wertvollen Geschenk gemacht habe, das nun nirgendwo zu finden ist?
Die Mutter wird in Stottern kommen und die Gunst der Tante verlieren und dann nur noch ihre Launen ertragen müssen, bis sie endlich wieder heimfährt.
Und wenn sie bleibt? denkt Michel, vielleicht ist das ihre Taktik und der Reichtum nur vorgetäuscht.
„Ist diese Tante auch verheiratet und hat sie Kinder?“, fragt Michel eines Abends seinen Vater.
„Sie war verheiratet! Ihr Mann ist vor etwa zehn Jahren gestorben!“, antwortet der Vater und stockt, als habe er gerade etwas für sich selbst Neues gesagt oder etwas vorher Vergessenes begriffen.
„Und einen Jungen hat sie, einen völlig missratenen, der sich nur herumtreibt. Er hat keine Beziehung mehr zu seiner Mutter!“, fügt der Vater hinzu.
Dann erfährt Michel eines Tages, dass die mysteriöse Tante dem Neffen, also seinem Vater, einst Geld geliehen hat, damals, als sie das Haus bauten und das Eigenkapital nicht aufbringen konnten.
Zuckersüße Telefongespräche waren geführt worden, besonders vonseiten der Mutter. Sie hatte ihren gesamten Charme aufgeboten, um der Tante schmeichelnd im Voraus zu danken, und sie die liebenswürdigste und toleranteste Person zu nennen, die sie je gekannt habe.
Damals hatte sie mehr erreicht, als man erwartete, und wenn anschließend wieder jemand die zänkischen Angriffe der Dame ins Spiel brachte, war es die Mutter, die beschwichtigte, man solle sie doch in Ruhe lassen, sie werde schon einen Grund für ihr Verhalten haben.
Dann war das Geld tatsächlich auf dem Familienkonto gelandet, und man konnte mit dem Hausbau beginnen. Claudia und Michel bekamen erstmals eigene, getrennte Zimmer, die Mutter einen Näh- und Bügelraum und der Vater eine richtige Bastelwerkstatt. Aber das Geld sollte zurückgezahlt werden, nach einem genauen Plan, das war die Tante ihrem leiblichen, wenn auch etwas missratenen Sohn schuldig - wie die Tante ausdrücklich betonte.
Der nun aber aufkeimenden zahlreichen Sonderwünsche wegen, hatte man selbst große Schwierigkeiten mit der Rückzahlung an die Bank.
Die Tante würde warten können, sie war doch nicht arm und überhaupt, warum sollte man den Plan einhalten? Was hatte sie denn mit dem Geld vor, da sie doch nun außer dem missratenen Sohn keinen direkten Erben besaß?
Die Tatsache, dass sie manchmal anrief, ihre individuell gestalteten Pakete schickte, bei dessen Inhalt sie sich selbst in Form des Gestrickten und Gehäkelten vielleicht auch des eigenen Geruchs einbrachte, deutete man als Großmut und Geduld, vielleicht sogar als Verzicht ihrer Ansprüche. Die Mutter jedenfalls spekulierte darauf.
Bei einem der letzten Anrufe aber muss die Tante eine Bemerkung gemacht haben, was die ausstehende Rückzahlung des Geldes anbetrifft. Alles müsse seine Ordnung haben, hatte sie geäußert, man müsse sein Wort halten, dann könne man auch über neue Großzügigkeiten reden. Das war der Mutter dann doch zuviel gewesen.
„Wie meinst du das?“, hatte sie mit harter Stimme ins Telefon gerufen.
Seitdem herrschte Ratlosigkeit, die Boshaftigkeit der Tante nahm in der Erinnerung des Neffen und seiner Frau wieder zu. Man erzählte sich alte Geschichten und entlarvte sie als Schrulle, warf ihr Geldgier und Erbschleicherei vor, obwohl ihr Vermögen ausschließlich aus der Familie ihres verstorbenen Mannes stammte.
„Wir werden vernünftig mit ihr über eine langsame Rückzahlung reden, die wir natürlich so weit wie möglich hinausschieben müssen!“, schlägt der Vater schließlich vor.
„Bis ins Unendliche!“, schreit seine Frau.
„Sollen wir und unsere Kinder denn verhungern? Glaubst du etwa, man könne mit einer solchen Person vernünftig reden?“
„Das hast du doch vorher auch geschafft!“, antwortet der Vater.
„Wir müssen sie einladen, jetzt erst recht.“, schlägt Michel vor, obwohl er mit Schrecken an den Aufenthalt einer solchen Person im Elternhaus denkt und aller Voraussicht nach sein eigenes Zimmer räumen muss, damit man Tante Ernestine gut unterbringen kann. Man muss sie versöhnen, verwöhnen, ihr alles Wohlwollen der Welt entgegenbringen, ihr klarmachen, dass man das Haus verkaufen und selbst in eine Armenunterkunft ziehen muss und sie natürlich dort auch nicht mehr aufnehmen kann; das muss ihr doch einleuchten. Sie wird es verstehen.
Die Mutter ist nach längerem Überlegen nicht abgeneigt, die Einladung auszusprechen. Sie übt sich bereits in honigsüßen Redensarten, ab sofort darf kein böses Wort mehr über die Tante fallen, man könnte sich verraten. Alles muss geübt sein.
Nach einer längeren Reise geht Tante Ernestine auf die Einladung ein.
In etwa vier Wochen will sie einen Besuch einplanen. Man hat genügend Zeit, alles zu richten, die Häkeldecke findet einen Ehrenplatz auf dem Tisch. Die beiden Pullover liegen im Schrank ganz oben, damit man sie an kühlen Tagen präsentieren und entsprechend loben kann.
Nur Claudia hat Schwierigkeiten mit ihrem Hütchen, das weder auf ihren Kopf passt, noch zu den Kleidungsstücken harmoniert.
Die Mutter wäscht alle Gardinen, putzt, bohnert, backt Kuchen, kocht leckere Braten mit köstlichen Soßen, die sie einfriert, um Zeit für einen Plausch zu haben, wie sie vorgibt.
Man verspricht sich etwas von diesem Besuch, wenn nicht eine neue Geldsumme, so doch den Erlass der schon längst als Eigentum vereinnahmten Schuldensumme.
Eines Nachmittags ist es dann soweit. Die Tante brummt heran, im wahrsten Sinne des Wortes, sie schwebt nicht etwa, wie man es von ihr erwarten könnte oder braust wenigstens in einem schnittigen Sportzweisitzer - mit ein wenig Gepäck und leichtfüßig heran - nein sie entsteigt schwerfällig und behäbig einem dicken, stinkenden Lastwagen, den man eher als Lieferfahrzeug für verirrtes Frachtgut halten könnte.
An ihrem eindringlich ernst-strengen Blick erkennt man sofort ihre Vorherrschaft, die sie zu beanspruchen scheint. Die Mutter erschrickt. Auf was hat sie sich da eingelassen? Der Vater ist noch nicht von der Arbeit zurück, und so fühlt sie sich mit den Kindern, die sich beide eng an die Hausecke gedrückt halten, alleingelassen und schließlich dieser Person ausgeliefert.
Aus der zunächst trägen Behäbigkeit der Dame sprießt plötzlich eine lebendige Quirligkeit, als es darum geht, die zahlreichen Koffer, Kartons - ja die Mutter glaubt sogar Möbelstücke zu erkennen - von den beiden mitgebrachten Packern mit muskulösstarken Armen ins Haus transportieren zu lassen.
Bisher hat keine Begrüßung stattgefunden, und die Mutter, die trotz des Lastwagenschocks bereits mit geöffneten Armen in die Richtung der aussteigenden Frau gelaufen war, hält inne, bleibt wie angewurzelt auf der Stelle stehen und weiß nicht, wie sie sich verhalten soll. Das Ganze kommt ihr vor, wie ein irrwitziger Traum. Wo will diese Person das nur alles unterbringen und wie lange gedenkt sie zu bleiben? Schon sind die ersten Gegenstände durch die geöffnete Haustür geschoben und in der Eingangsdiele nebeneinander und schließlich übereinander gestapelt worden.
„Vorsicht“, schreit die Tante mehrmals schrill - die ersten Laute, die Michel von dieser Person vernimmt. Dann folgt ein riesiger Vogelbauer, abgedeckt mit einem gelben Tuch und darunter schreit es immer wieder:
„Verdammt, du Ekel, was hast du dir wieder dabei gedacht!“ Allein diese schrillen Vogellaute und die Größe des oben abgerundeten Behälters lassen auf einen Papagei schließen.
Die Mutter starrt vor sich hin. Das kann doch alles nicht Wirklichkeit sein! Sie selbst wird von den Männern und der herumwirbelnden Person buchstäblich zur Seite gedrängt.
Als endlich alles im Haus zu sein scheint, zumindest ist die Diele bereits so vollgestopft, dass nichts mehr hereinpasst, richtet Tante Ernestine die ersten Worte in Richtung der Hausfrau, aber ohne sie anzusehen.
„Wo befinden sich meine Wohnräume?“, fragt sie streng.
Sie hat Wohnräume gesagt, denkt Michel, und Claudia wird blass, denn jetzt befindet sich auch ihr Zimmer in Gefahr, wenn das überhaupt alles reicht.
Sie könnte ohne weiteres das gesamte Haus einnehmen, mit all den Mitbringseln.
„Georg und Hasso kommen morgen!“, setzt die Tante noch nach!
Wer ist Georg? Schießt es durch die Köpfe der Staunenden. Bei Hasso wird es sich um einen Hund handeln, und der Name lässt auf einen ziemlich großen schließen.
„Wir besitzen hier nur ein kleines Einfamilienhaus!“, beginnt die Mutter zaghaft mit der Verteidigung ihres Eigentums. Die Tante schaut sie abschätzend an.
„Ich hatte dich freundlicher in Erinnerung!“
„Es geht um den Platz!“, fügt die Mutter hinzu.
„Wir hatten an einen Besuch für einige Tage oder vielleicht zwei Wochen gedacht und nur für eine Person ein Zimmer hergerichtet!“
Die Tante hört gar nicht zu. Sie geht voran, die Männer mit den Kisten hinter ihr her. Sie fragt nicht einmal mehr, welchen Raum sie belegen soll.
Sie reißt als erstes die Tür des Elternschlafzimmers auf, obwohl das bereits geräumte Zimmer Michels einladend die Tür geöffnet hält.
„Hierher“, schreit sie. „Und werft den Plunder hier heraus“, dabei deutet sie auf die Kosmetikartikel und einige Kleidungstücke der Mutter.
„Das andere kommt in den Raum und den hier.“ Dabei hat sie bereits alle Schlafräume im oberen Stockwerk des Hauses eingenommen.
„Ich brauche noch einen Salon für meinen Besuch!“ befiehlt sie.
Wir werden uns in der Küche aufhalten müssen, denkt Michel, und er überlegt, wie man dort vier Luftmatratzen unterbringen soll. Drei wären gerade so möglich. Sie würden zusammenrücken müssen.
Die Mutter wagt nicht zu sprechen, denn sie würde - wie sie glaubt - alles zerstören, was sie sich vorgenommen hatten.
Statt dem unaufhaltsamen Schauspiel zuzuschauen, bei dem sie den eigenen Rauswurf ertragen müsste, läuft sie suchend vor der Haustür hin und her, schaut hilflos die Straße in der Richtung entlang, aus der ihr Mann irgendwann nach Hause kommen muss und hofft auf ein Wunder.
Verwandte können doch furchtbar sein! denkt sie. - Zumal wir doch so viel erwartet hatten von dieser Frau, ohne Familie. Und jetzt dieser Georg. Sie muss sich einen Freund zugelegt haben, der sie womöglich beerbt oder ihr Geld ausgibt, bevor der Erbfall eintreten wird. Wahrscheinlich besteht sie deshalb so eindringlich auf der zügigen Rückführung der Schuld!
Das Gehirn der Mutter muss zu rotieren begonnen haben, denn plötzlich kann sie keinen Gedanken mehr an den vorigen hängen und alles um sie herum dreht sich schemenhaft im Kreis.
Dann kommen die beiden starken Männer aus dem Haus und stampfen mit festem Schritt auf das Fahrerhaus des Lastwagens zu. - Diese schweren Stiefel und der Dreck, den sie in das so sorgfältig geputzte Haus getragen haben müssen! - Entsetzlich!
Erst jetzt bemerkt die Mutter, dass sie ganz ungewohnt den Haustürschlüssel vergessen hat, der normalerweise immer in der Schürzen- oder Kitteltasche steckt. Aber zur Feier des Tages - genauer gesagt zum eingeplanten Empfang - hat sie ein solches Schutzkleidungsstück abgelegt und steht jetzt vor der eigenen Haustür, vor einem Haus, in dem sich eine ihr fremde Person einzurichten beginnt, ganz nach ihrem Belieben.
Michel sitzt zusammengekrümmt neben dem Haus.
Die Mutter klingelt, einmal, zweimal, mehrmals, kurz, länger, in verschiedenen Abständen hintereinander, aber außer Gepolter und undefinierbaren Musikklängen ist nichts zu hören.
Die Kinder, denkt sie, wo sind sie geblieben? Sie müssten ihr doch öffnen. Da sieht sie Michel in seiner verlorenen Stellung.
„Wo ist Claudia?“, fragt die Mutter erschrocken.
„Wenn sie sich auch hier draußen herumdrückt, sind wir allesamt ausgesperrt aus dem eigenen Haus.
„Ist denn da gar nichts zu machen?“, fragt der Junge hilflos.
„Die Alte kann doch nicht so einfach Besitz von unserem Haus nehmen. Sie ist unser Besuch und muss sich mit dem zufrieden geben, was wir ihr zur Verfügung stellen!“
„Du hast Recht, aber so ist sie nun einmal, und wenn ihr niemand Einhalt gebietet, nimmt sie noch mehr!“, jammert die Mutter.
„Dann gebieten wir ihr eben Einhalt!“ schlägt Michel vor.
„Die Gorillas sind fort. Mit ihr alleine werden wir es doch aufnehmen können. Morgen, wenn dieser Georg mit seinem Hasso auftaucht, ist alles vorbei. Wir müssen vorher klare Verhältnisse schaffen!“
Michel poltert mit beiden Fäusten gegen die hölzerne Haustür und siehe da, sie öffnet sich.
Tante Ernestine hat also diesem Gepolter nicht standgehalten, also ist sie angreifbar.
„Wo ist Claudia?!“, fragt die Mutter. Die Tante zuckt mit den Schultern. „Sie muss im Haus sein, also wo?“, bohrt die Jüngere weiter.
„Hat sie denn kein eigenes Zimmer?“ fragt die Tante unschuldig.
„Gut, ich werde dort nachsehen!“, schlägt Michel vor, und tatsächlich, Claudia hat sich noch vor dem Eindringen der Tante dort eingeschlossen. Auf Michels Rufen hin öffnet sie vorsichtig.
„Ein Glück!“ ruft der Junge. „Eine Oase ist noch in unserer Hand“.
„Ist Papa schon da?“, fragt Claudia unsicher.
„Nein, aber Mutti wird sich jetzt wehren, das geht zu weit.“
Die meisten Kisten stehen noch im Flur und die Tante schwirrt tanzend umher.
„Wann gibt es Essen?“, fragt Tante Ernestine.
„Der Empfangskaffee ist auch schon entfallen. Ich hatte mir eure Gastfreundschaft etwas anders vorgestellt.“
„Was stellst du dir eigentlich vor?“, fragt die Mutter.
„Du kommst an wie ein Feldwebel, besetzt geradezu unser Haus, wirfst unsere persönlichen Dinge achtlos zur Seite und richtest dich ein, und du sprichst von Gastfreundschaft?! So etwas gewährt man nur einem Gast, der sich als solcher benimmt!“
„Ach so, das ist dein wahres Gesicht. Aber ich denke, ich besitze einen Teil dieses Hauses, und es ist mein Recht, diesen zu nutzen, bis ihr bereit seid, eure Schulden zu tilgen, von den Zinsen ganz zu schweigen. Weißt du, wieviel das in den fünf Jahren ausmacht?“
„Wir werden das Geld zurückzahlen, besprich das mit deinem Neffen, nicht mit mir!“
„Gut“, erwidert die Tante. „Aber bis dahin wirst du deine Pflichten als Hausfrau und Gastgeberin erfüllen!“
Michel sieht, wie das Gesicht der Mutter um den Mund herum zittert und wie sie den Zorn gewaltsam zurückhält.
So eine Unverschämtheit. Stumm geht die Hausfrau ihrer Küchenarbeit nach, nicht weil die Tante das verlangt, sie muss sich beschäftigen.
Erfreut läuft sie nach draußen, als sie endlich den Wagen ihres Mannes in die Garage fahren hört, endlich dieses vertraute Geräusch, das sie heute länger und ungeduldiger als üblich erwartete.
Kaum hat sie den Arm des Mannes an der Hautür erfasst, an den sie sich hängen und ihm möglichst bald ihr Leid klagen möchte, führt ihn Tante Ernestine, die hinter der Eingangstür auf ihn gewartet zu haben scheint, zur anderen Seite hin ab, ganz unauffällig. Und der Neffe geht mit, als sei das selbstverständlich. Er umarmt die Tante, begrüßt sie in seinem Haus und lässt es sich gefallen, dass sie ihn im Wohnzimmer vereinnahmt.
„Der Vater hat keine Ahnung von dem, was hier im Hause vor sich geht!“, klagt die verdutzte Mutter.
„Jetzt hat sie auch ihn vereinnahmt, bevor ich ihm alles erzählen kann!“
Die Mutter, deckt den Tisch und schickt Michel ins Wohnzimmer, um zum Essen zu rufen.
Nach einer Weile kommen Tante und Neffe gut gelaunt zurück, wie Freunde, vielleicht wie Mutter und Sohn, als sei nichts gewesen.
Der hat wirklich keine Ahnung, denkt die Mutter. Nichts hat sich geändert, seit dem lange ersehnten Eintreffen des Ehemannes, auf dessen Hilfe sie so gehofft hatte.
Bei Tisch unterhält man sich über alltägliche Dinge, der Ehemann erzählt wie immer von seiner Arbeit, von sonderbaren Kunden und guten Geschäften, die Tante erzählt von ihrer letzten Reise.
Die Mutter blickt zu Michel, um sich der Realität der Lage zu versichern, nachdem sie im Blick des Mannes nichts Besonderes erkennen kann und glaubt der ganze Nachmittag sei ein einziger Traum gewesen
Die Tante gibt sich als die Liebenswürdigkeit in Person. Schließlich hilft sie sogar beim Abräumen des Geschirrs.
Abends sitzt man bei einem Glas Wein, prostet sich zu, freut sich über das Wiedersehen, diskutiert die politische Lage, das bevorstehende Wetter, so wie es in den meisten Familien geschieht.
Vielleicht bin ich zu empfindlich, denkt die Mutter, aber schon der Anblick des unendlichen Gepäckberges, der sich noch immer in den Fluren stapelt, belehrt sie eines besseren.
Tante Ernestine erzählt von ihrer älteren Schwester, der Mutter des Mannes, lacht über die Kinderstreiche und ist plötzlich eine ganz andere.
Michel verabschiedet sich, um seinen Schlafplatz auf dem Dachboden einzunehmen, dort wird er trotz Kälte ungestört sein, Claudia sucht ihr gerettetes Zimmer auf und schließt sich abermals ein.
„Du bist heute so schweigsam!“, stellt der Mann gegenüber seiner Frau fest. Die nickt nur müde und sagt leise:
„Na ja, ich kann immer noch reden, jetzt haben wir zuerst einmal Besuch!“
Heimlich überlegt sie, wo sie schlafen werden, sie und ihr Mann und wie die Tante dem netten, gastfreundlichen Neffen den Einzug ins elterliche Schlafzimmer erklären wird!
Es sieht aus, als wolle Tante Ernestine die Nacht durch trinken, lachen, reden und das Bett erst früh am Morgen oder überhaupt nicht aufsuchen. Immer wieder findet sie neuen Gesprächsstoff, hält die Unterhaltung hin und verhindert den allgemeinen Aufbruch. Der Neffe gähnt, und seine Frau weiß, dass er morgen früh aufstehen und fit sein muss, wie immer. Die Folgen einer durchwachten Nacht kann er sich in seinem Beruf nicht leisten.
Am Ende legt der müde Mann sich vielleicht noch neben Tante Ernestine ins Bett und merkt nicht einmal, dass man seine Frau entfernt hat, denkt sie.
Als er dann aufsteht, wie allabendlich noch einiges in die Küche trägt, um den Aufstieg ins Schlafzimmer vorzubereiten, bringt seine Frau emsig etwas hinterher, um ihn hier endlich alleine sprechen zu können. Bisher ist ihr das dank Tante Ernestines geschickten Taktierens nicht gelungen.
Flüsternd steht sie neben ihm, um schnell einige Fakten darzutun, die geklärt werden müssen, und als sie ihr Mann erschrocken anschaut, dieser sonderbaren Gesten wegen, bricht sie lautlos weinend auf einem Stuhl zusammen.
„Was ist denn los?“, fragt er viel zu laut und ruft damit sofort die Tante auf den Plan, die hilfsbereit in der Tür steht.
Er hat keine Ahnung, denkt seine Frau.
Tante Ernestine fordert eine Erklärung, ohne Worte, nur mit Blicken und der brave Neffe liefert sie, ohne zu wissen, was denn wirklich in seiner Frau vorgeht.
„Susanne ist müde, überarbeitet. Es ist schon spät. Wir werden schlafen gehen!“, erklärt der Unwissende.
Die Jüngere schluchzt leise, aber das Zucken ihres Körpers ist nicht zu übersehen.
„Komm“, sagt der Mann.
„Ich werde Tante Ernestines Bett machen und du gehst schon voran in dein Bett.“
„Das geht nicht“, flüstert sie leise. Der Mann hört das nicht und geht mit Tante Ernestine hinaus.
Die Frau sucht das Bad auf - wenigstens da hat sie noch Zutritt - führt die übliche Abendtoilette durch, nimmt sich einen neuen Schlafanzug und ist notfalls entschlossen, bei Claudia im Zimmer zu schlafen. Heute darf es nicht zum Familienkrach kommen.
„Schatz, kommst du nicht?“, hört sie den Mann rufen - eine durchaus gewohnte Geste, die sie wieder hoffen lässt. Langsam schiebt sie sich aus dem Bad in den Flur und ruft völlig hilflos:
„Wo bist du denn?“.
„Na wo schon!“, ruft der Mann. Wie üblich liegt er bereits im Bett, das Licht der Nachttischlampe gemütlich neben sich, die Hände über dem Kopf verschränkt. In dieser Stellung fühlt er sich wohl.
„Wo ist Tante Ernestine?“, fragt sie erschrocken.
„Na, im Bett, du hast doch Michels Zimmer für sie räumen lassen. Wo ist er eigentlich?“
„Ich weiß es nicht!“, sagt sie.
„Sag mal, was ist eigentlich mit dir los?“, fragt er, sich aufrichtend.
„Du musst jetzt schlafen, es ist schon spät!“ All ihre vorbereiteten Reden der Anklage gegen die Tante sind plötzlich nicht mehr wichtig. Sie liegt im gewohnten Bett, den Geruch und den warmen Körper des geliebten Mannes neben sich - alles ist wie immer, als habe es diesen furchtbaren Tag gar nicht gegeben.
Die fremde Tante legt es darauf an, mich zu verunsichern, sie muss eine gespaltene Persönlichkeit haben. Vor mir und den Kindern ist sie die Besitzergreifende, die uns zu verdrängen droht und vor ihm, dem Neffen, auf den sie es einzig und allein abgesehen zu haben scheint, spielt sie die nette, verständnisvolle Verwandte, denkt sie.
Der Ehemann schnarcht bereits neben ihr, macht noch einmal einen Versuch nach ihr, der Ehefrau, zu greifen und fällt dann schnell in tiefen Schlaf.
Sie fragt sich, ob er die vielen Gepäckstücke, die Kisten und Kästen, die kleinen Möbelstücke nicht gesehen hat! Und wo ist der kreischende Papagei geblieben? Die Alte muss eine Verwandlungskünstlerin sein, die sogar Dinge unsichtbar und wieder sichtbar machen kann, ganz wie es ihr beliebt.
Stundenlang liegt die Ehefrau wach, sieht sich im Zimmer um, als sei das ihre letzte Nacht hier
Erst gegen Morgen träumt sie, wie meistens in schlaflosen Nächten dem Morgengrauen entgegen, Träume aus ihrer Kindheit, von einem gemütlichen Elternhaus, in dem sie sich wohl fühlte. Niemand vertreibt sie, wenn da nicht die Angst vor der alten Hexe gewesen wäre, die Hänsel und Gretel heranwinkte, mit ihrem falschen, einladenden Lachen. Nur der herrlichen Lebkuchen wegen hatten sich die Kinder anlocken lassen.
Als sie aufwacht, gelobt sie, auf alles zu verzichten, was die Tante verspricht, ihr das geliehene Geld so schnell wie möglich zurückzuzahlen, um wieder frei zu sein, frei in ihrem eigenen Haus, mit ihrer Familie, frei von einnehmenden Verwandten, die doch nur die eigenen Vorteile suchen und sich Macht und Einfluss verschaffen wollen mit ihrem verdammten Geld.
Mit diesem Gedanken, so glaubt sie, wird sie auch übermüdet den Tag ertragen, ganz gleich was er bringt.
Die Kinder sind früher als üblich in der Küche, streichen sich schnell selbst ihre Brote, um ja nicht mit der beherrschenden Person von gestern zusammenzutreffen und notfalls mit einem Brot auf der Hand fliehend das Haus verlassen zu können. Aber die Tante lässt sich Zeit. Es scheint ihre Angewohnheit zu sein, bis weit in die Nacht hinein zu reden und den nächsten Morgen schlafend zu verbringen.
Der Vater kommt schlaftrunken wie immer ins Esszimmer getorkelt, und seine Frau weiß, dass dies nicht die Zeit ist, ihm Probleme zu unterbieten.
„Hast du die vielen Gepäckstücke gesehen?“, fragt die Frau nun aber doch.
Er sieht sich um, als stünden sie aufgereiht vor seinen Augen.
„Ich meine die im Flur, hier unten und oben und in den Zimmern. Deine Tante kam hier an, als wolle sie hier einziehen!“ Der Ausdruck „deine Tante“ ist neu und existiert erst seit der vergangenen Nacht, in der sie sich entschlossen hat, auf all das Geld zu verzichten. Vorher hatte sie immer von der gemeinsamen Tante gesprochen. Der Mann hat weder das Gepäck gesehen, noch die alleinige Zuordnung der Tante zu seiner Person begriffen.
„Tschüss Schatz“, ruft er noch im Weggehen und verschwindet wie immer halb davonlaufend, halb winkend, mit noch einem Stück Brot in der Hand.
„Mir kann nichts passieren!“, sagt sie halblaut zu sich selbst.
„Ich will nichts mehr von ihr, also kann sie mir nichts mehr anhaben!“
„Ich werde alles hier im Hause tun wie immer, das ist mein Haus, meins und das meiner Familie. Wenn sie mich ärgert, fliegt sie raus!“, ruft sie nun lauter.
Wann wird wohl Georg kommen, mit dem Hund, denkt sie und wie wird er sein? Vielleicht finde ich in ihm einen Verbündeten, denn solch beherrschende Frauen umgeben sich meistens mit sanften Männern.
„Halts Maul“, hört sie von Ferne kreischen. O nein, der Papagei - wo steckt er und warum hat er so lange geschwiegen?
„Verdammt, du Idiot!“ Mein Gott, wo hat er diese Worte her. So etwas lernt doch ein Vogel nicht von alleine. Sie schaut sich um und wittert die Alte, denn sie muss den Vogelbauer mit in Michels Zimmer genommen haben, nur das erklärt sein Schweigen die ganze Nacht über und jetzt wird sie herkommen und ihr Recht einfordern, ein herrschaftliches Frühstück mit gebratenen Eiern auf Schinken, Kaviar, Lachsschnitten und alle erdenklichen Sorten Obst, wahrscheinlich Champagner obendrein.
Aber stattdessen flattert der Vogel herein, mit weiten Schwingen und grellem Gekreische, setzt sich mitten auf den Tisch und ruft nochmals: „Verdammt“.
„Verdammt“, antwortet die Hausfrau. „Verschwinde, ich habe dich nicht hergebeten. Ich brauch weder dich noch deine Herrin und schon gar nicht ihren Hasso mit Georg! Schert euch zum Teufel“.
Die letzten Worte sind immer lauter und mutiger geworden.
„Zum Teufel!“, antwortet der Vogel.
Im wehenden, seidenen Morgenmantel flattert die Tante heran.
„Na, habt ihr Streit? Heinrich, benimm dich. Setz dich hier auf den Schrank, der Tisch ist nicht dein Reich, das weißt du genau!“
Der Mutter hat die Tante weder guten Morgen gesagt noch sonst etwas. Sie setzt sich auf einen Stuhl, greift nach der Kaffeekanne und nimmt sich von dem, was auf dem Tisch steht, ohne weitere Ansprüche zu stellen. Stumm kaut sie vor sich hin, als sei sie alleine.
Ihre besitzergreifende Aggressivität von gestern ist einer stummen Duldsamkeit gewichen. Die Mutter fühlt sich zwar sehr unwohl in dieser gespannten Atmosphäre, in der sie selbst ebenfalls lieber schweigt, aber alles ist nicht so schlimm wie gestern noch befürchtet.
Sie weiß nicht, was ihr Mann gestern Abend mit der Tante geredet hat, aber seitdem hat sich einiges geändert.
„Ich werde jetzt Hasso und Georg abholen!“, verkündet die Ältere, bestellt ein Taxi, bekleidet sich ausgehfertig und wartet geduldig in der Diele vor der Haustür, bis der Wagen kommt.
Die Hausfrau atmet auf, obwohl sie nichts Gutes ahnt, was die beiden Neuankömmlinge anbetrifft; sie räumt den Tisch ab, erledigt das Übliche im Haushalt und holt eines der eingefrorenen, vorgekochten Fleischpakete aus dem Gefrierschrank.
Als der Postbote kommt und einen Brief an die Tante gerichtet mit der hiesigen Adresse abgibt, glaubt die Hausfrau, der endgültige Einzug der Tante sei nun perfekt, über ihren eigenen Kopf hinweg - ein Komplott, mit dem sie so nicht gerechnet hat. Automatisch studiert sie den Absender, der sich als Stempel von einem Alten- und Pflegeheim entpuppt. Da stutzt sie dann doch. Besitzt die Tante doch Angehörige, die dort untergebracht sind? --- Oder - hat sie vielleicht für sich selbst dort angefragt? Nein, das kann sie sich nicht vorstellen, so alt und hinfällig ist sie noch lange nicht, und es passt keineswegs zu ihr; obwohl es die beste und logischste Erklärung für das viele Gepäck sein könnte.
Die Gedanken drehen sich in dem müden Kopf, der sowieso schon von leichten Schwindelattacken heimgesucht wird.
Verwirrt geht sie zum Telefon und versucht ihren Mann anzurufen. Sie muss wissen, was da gestern Abend geredet wurde, zwischen Tante und Neffen.
Der Mann sei unterwegs zu einem Kunden, eröffnet man ihr bei seiner Arbeitsstelle. Da durchzuckt es sie blitzartig. Könnte er sich vielleicht mit der Tante verabredet haben, um den mysteriösen Georg mit seinem Hasso abzuholen? Ihr Mann weiß mehr, dessen ist sie jetzt sicher. Das kommt fast schon einem Ehebruch gleich. Warum wird sie nicht eingeweiht? Und sie flucht laut vor sich hin. Der Papagei antwortet prompt.
„Verdammt“, kreischt er. „Du Idiot, kannst du dir das nicht denken?“.
„Sei still, du blödes Tier“, schreit sie genervt. „Du hast hier gar nichts zu sagen!“
„Blödes Tier“, gibt er zurück - wie ein Echo, und die Mutter glaubt sogar ein spöttisches Lachen darin zu erkennen.
Zum Mittagessen sind nur die Kinder erschienen. Tante Ernestine hat sich bisher nicht gemeldet.
„Was soll nur aus uns werden?“, fragt Claudia resigniert. „Das geht doch nicht so weiter!“
„Sie hat uns nicht einmal die üblichen Geschenke überreicht!“, stellt Michel fest.
Da ertönt viel früher als üblich der bekannte Ton des Familienautos, und heraus steigt Tante Ernestine mit einem Bündel in den Armen, das sie fest an sich presst. Der Vater trägt neben seiner Aktentasche einen Karton.
„Georgs Asche“, schreit Michel.
„Unsinn, das kann alles Mögliche sein. Aber wo bleibt Georg?“, sagt Claudia.
„Wer weiß, wer das ist, wenn der Papagei schon Heinrich heißt!“, tröstet die Mutter.
Die Tante wirkt ziemlich erschöpft, lässt sich in den Sessel fallen und hält das kleine Wollknäuel, das sich als Hündchen entpuppt, immer noch an sich gepresst. „Hasso!?“, sagt Michel leise.
Der Vater hat den Karton, in dem es jetzt kräftig zu Rumpeln beginnt, neben den Tisch gestellt. Michel schaut genau hin.
„Ein kleines Karnickel!“ ruft er fast erfreut.
„Ja“, sagt die Tante triumphierend. „Das ist Georg!“
Alle schauen sich an. Die Mutter holt schnell den Kaffee, damit wenigstens heute der Empfang des Besuchs nachgeholt werden kann. Der Tisch ist bereits gedeckt.
„Ich werde euch jetzt eure Geschenke überreichen!“, erklärt Tante Ernestine. Alle schauen sie gespannt an. Den kleinen Hund legt sie in Claudias Arme, die neben ihr sitzt.
„Und du bekommst Georg!“, sagt sie zu Michel. „Eure Mutter muss sich mit Heinrich anfreunden. Er gibt nur das wider, was man ihm vorgaukelt. Ich hoffe, ihr passt gut zueinander“, fügt sie abschätzend zu.
„Für meinen Neffen habe ich ein größeres Geschenk. Er gewährt mir als Gegenleistung Unterkunft in seinem Haus, bis ich einen guten Platz in einem Seniorenhotel gefunden habe. Ich denke an ein Appartement in eurer Nähe. Ihr seid doch meine Verwandten.
Mir geht es nicht mehr so gut wie es aussieht, also sorge ich vor. Ich werde euch nicht lange zur Last fallen. Meinem Neffen erlasse ich die Schuld, und sollte nach meinem Ableben noch etwas übrig bleiben, so erhalten mein Sohn und mein Neffe je die Hälfte. Aber erwartet nicht zuviel, so ein Lebensabend, der kann teuer werden. Ich bin das ewige Herumziehen leid. Ich brauche ein Zuhause. Da das bei euch aus verständlichen Gründen nicht möglich ist, habe ich diese Regelung getroffen!“
Alle schauen vor sich hin. Sie hätten sich freuen können, aber niemand kann Freude zeigen. Als erster findet der Vater ins normale Alltagsleben zurück.
„Also, langt zu“, er hebt sein Glas: „auf Tante Ernestine, und dass ihr sie mir allzeit gut behandelt!“
Ilselore Quaß