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Die A 67 in  Richtung Rüsselsheim ist frei und Arthur kann richtig Gas geben.Da sieht er auf der Gegenspur drei ineinander verkeilte Autos. Sofort zieht Arthur den Wagen auf die linke Spur und schaut neugierig hinüber. Hinter ihm kreischen plötzlich Bremsen und ein Porsche schlittert rechts an ihm vorbei.

"So ein Affe!", flucht Arthur. "Der Kerl gehört angezeigt. Einfach rechts zu überholen!"
Arthur hat genug gesehen, wechselt wieder auf die rechte Fahrspur und gibt erneut Gas. Mehrere Fahrzeuge passieren die Unfallstelle und verlangsamen das Tempo, um zu sehen, was auf der anderen Seite los ist.

Dort hat sich bereits ein langer Stau gebildet. Ein Rettungswagen nähert sich der Unfallstelle. Ein Polizeifahrzeug folgt. Gerade hebt ein Fahrer seine fünfjährige Tochter auf das Autodach, damit sie besser sehen kann. Weitere Familien folgen dem Beispiel, so dass schließlich ein gutes Dutzend Kinder, alle im Vorschulalter, die Unfallstelle überblicken können. Die Polizisten haben alle Hände voll zu tun. Sie sichern die Unfallstelle ab, nehmen den Unfall auf und alarmieren die Feuerwehr, damit die eingeklemmten Personen befreit werden können.

Drei Fernfahrer müssen abbremsen, da einige Perso-nenwagen ganz langsam die Spur entlangrollen, weil deren Insassen möglichst viel von der Unfallstelle sehen wollen. Langsam aber sicher bildet sich auch auf dieser Seite ein Stau. Nun erscheinen drüben  die Feuerwehr und ein Notarztwagen. Fernfahrer Simon bremst und stöhnt: "Das darf doch nicht wahr sein! Jetzt bleibt der Trottel doch tatsächlich stehen. Hoffentlich steigt der Depp nicht auch noch aus."

Der Fahrer bleibt jedoch sitzen. Er kurbelt aber das Fenster herunter und streckt seinen Kopf weit hinaus. Durch das Dach schiebt sich ein dauergewellter Haarschopf. Da Simon nicht weiterkommt, schaut er ebenfalls zur Unfallstelle. Für ihn gehören Unfälle gewissermaßen zum Alltag und sind nicht weiter interessant. Die Feuerwehrleute arbeiten sich zu den Opfern durch, das Rettungsteam kümmert sich bereits um zwei Personen aus dem ersten Wagen. Die Schaulustigen stehen nun zuhauf zwischen den Autos und recken ihre Hälse. Dabei wird eifrig diskutiert und gestikuliert.

"Aha", denkt Simon, "die Typen wissen ganz genau was zu tun ist und halten ihren Staukollegen Vorträge. Sollten besser mit anpacken, wenn sie so schlau sind." Er hört erneut Sirenen. Aus Griesheim wurde Verstärkung angefordert und ein Rettungswagen taucht nun im LKW-Rückspiegel auf. Simon bedmerkt auch, dass die Autofahrer in wilder Hast versuchen, eine Gasse zu bilden. Auch die Dauerwellen verschwinden wieder im Fahrzeug. Der RTW prescht vorbei und nähert sich fünf Minuten später dem Stauende auf der anderen Seite. Dort hat sich die A 67 auf wundersame Weise auf fünf Spuren erweitert. Die Fahrzeuge stehen kreuz und quer. Die Kinder auf den Autodächern werden herumgedreht und der ankommende Rettungswagen gezeigt. Dieser kommt nur im Schneckentempo vorwärts. Die Pressluftsirenen heulen. Die Hupe dröhnt. Doch nichts geschieht.

Wütend kurbelt der Fahrer das Fenster herunter und brüllt hinaus: "Wer nicht sofort die Fahrbahn räumt, wird wegen unterlassener Hilfeleistung angezeigt." Der Sanitäter auf dem Beifahrersitz notiert bereits die Autokennzeichen. Die Kinder verschwinden in den Autos. Männer und Frauen springen hinterher und versuchen, ihre Pkws zur Seite zu fahren. Das Chaos ist perfekt. Simon ist sprachlos über so viel Unverstand. Zwei Sanitäter decken gerade eine silberne Plane über ein Unfallopfer. Nur ein Paar Turnschuhe schaut darunter hervor.

Die Polizisten greifen nun ein und dirigieren die Fahrzeuge nach rechts und links, um eine Gasse für den RTW zu bekommen. Die Schaulustigen reagieren ausgesprochen gereizt. Doch die Beamten bleiben freundlich. Es fällt ihnen sichtlich schwer. Endlich hat sich der RTW durchgekämpft. Simon sieht, wie nun ein Kind zugedeckt wird. "Scheiße!", flucht er. - Routiniert gehen die Rettungsarbeiten weiter. Der PKW-Fahrer und seine dauergewellte Beifahrerin haben genug gesehen und starten ihren Wagen. Simon atmet auf und gibt ebenfalls Gas.

Sabine Axnick