Im Fenster ein Licht
Geschrieben von: Laura Kanert
Es war eisigkalt. Der undurchsichtige Schneesturm ließ die dicken Schneeflocken wie einen aufgescheuchten Vogelschwarm durcheinander wirbeln. Der heftige Sturm peitschte schräg über die unendliche Weite, brachte spitze Eiskristalle mit, die gegen das ungeschützte Gesicht stießen. Auf dem wollenen Tuch, welches sie zum Schutz um ihren kleinen Körper geschlungen hatte, blieben sie feucht und schwer darauf liegen, um dann durch die klirrende Kälte sofort festzufrieren.
Sie mussste vorwärts kommen, der Schnee lag hoch. Eine Schneewehe ließ sie darin versinken. Schwer war es, da wieder herauszukommen. Die feuchten Filzstiefel waren inzwischen gefroren und sie hatte kein Gefühl mehr in den Füßen. Die Beine steckten tief in der Wehe und hielt sie fest. Sie beugte ihren Oberkörper nach vorne. Ihre Arme, weit ausgebreitet, lagen auf der krustigen Schneedecke. Die klammen Wollhandschuhe wärmten ihre Hände nicht mehr. Sie atmete flach und stoßweise. Sie wollte die kalte Luft nicht einatmen. Der Hauch ihres Atems blieb wie erstarrt einen kurzen Augenblick in der Luft hängen, bis er herunterfiel auf die harsche Schneedecke vor ihr.
Weit und breit war nichts zu erkennen. Kein Stern am Himmel. Und der Mond hatte sich hinter dem grauen dichten Schneeschauer verborgen. Eine Weile verharrte sie. Sie musste sich Mut zusprechen, mit ganzer Kraft denken: Mutti wartet auf dich. Mutti wartet auf dich. Du musst es schaffen, hier herauszukommen! Wie ein Gebet sagte sie es immer wieder. Wie eine Litanei. Müde und langsam versuchte sie, die harte Kristallkruste aufzubrechen, um den darunter verborgenen sauberen Schnee hervorzuholen, ihn leicht zusammenzudrücken, um damit Gesicht und Hände einzureiben. Erst spürte sie nichts davon. Also war es die höchste Zeit gewesen, an die Ermahnung der Mutter zu denken. Sie wollte keine Erfrierungen davontragen. Nur nicht krank werden!
Langsam spürte sie die Wärme in ihrem Gesicht aufsteigen. Es prickelte heiß und tat weh. Das Blut zirkulierte wieder. Ihre Hände fühlten sich aufgeplustert und dick geschwollen an. Aber sie waren so dünn wie vorher. Also nur keine gefühlte Einbildung!
Dass die Füße kalt geworden waren und auch die Beine, war keine Einbildung. Sie waren fast gefühllos. Und sie begann mit dem Rest ihrer Kräfte auf der Stelle zu trampeln. Nur bewegen, immer nur bewegen, hämmerte es in ihrem Kopf! Nur nicht müde werden. Sie musste aus dieser tiefen Schneewehe heraus. Sie musste es schaffen, bis hin zu der Baracke, wo die Anderen auf sie warteten. Ganz reinen und sauberen Schnee sollte sie doch nur holen. Auf dem warmen Kanonenofen sollte der Schnee zu Wasser schmelzen, um einen heißen Tee zubereiten zu können. Die armseligen Gestalten der durchgefrorenen Frauen waren ja gerade vom Holzfällen aus dem Wald gekommen. Sie brauchten etwas Heißes, um sich wieder aufzuwärmen. Und da, ganz plötzlich war der Schneesturm über diesem Lager. Und sie hatte sich verlaufen. Irgendwo musste in der Panik die Blechschüssel liegen geblieben sein, als sie nicht mehr den Weg zurückfand und ihr das Verlorensein bewusst wurde. Sie hatte nur noch Angst. Ihr Herz klopfte wild und zügellos. Sie versuchte, den plötzlichen Schmerz herunterzuwürgen. Tränen stiegen heiß in ihr auf. Sie schluckte sie mit aller Macht herunter. Ihre Hände begannen zu zittern.
Die Welt um sie herum war kalt, dunkel, feindselig. Von den Wachttürmen war kein Lichtkegel zu erkennen, der doch sonst immer jeden Tag rotierte. Und immer noch tobte der unberechenbare Schneesturm. Ihre Körperkraft ließ langsam nach. Die Ruhe und Stille in dieser Einsamkeit nahmen langsam von ihr Besitz. Sie wollte schlafen, nur schlafen. Eingerollt wie ein Tier, beschützt zwischen den Schneewänden, meinte sie zu Hause wohlig in ihrem Bett zu liegen. Vor ihren Augen sah sie ein Butterbrötchen mit Honig auf ihrem Teller liegen. Sie wollte danach greifen. Da hörte sie ihre Mutter nach ihr rufen. Ihr Name schwebte ihr zu. Jeder Buchstabe sah wie ein Stückchen Brot aus, hing in der Luft. Sie hob schwerfällig ihre Hand. Aber diese blieb wie erstarrt im Schnee stecken. Da hörte sie wieder ihren Namen. Hatte sie Halluzinationen oder träumte sie?
Angestrengt horchte sie den Tönen nach. Aber nein, das war nur der Sturmwind, der pfiff und sirrte, der über sie hinwegfegte. Sie kam langsam wieder zu sich. Eine dünne Schneeschicht hatte sich über sie gelegt. Sie rappelte sich auf, sah, wie die Schneedecke glitzerte und leuchtete. Der Schneeschleier hatte nachgelassen. Der Sturm sich etwas gelegt. Die Wolken schoben sich hin und her. Und da glaubte sie auf einmal, am Himmel schimmernde Sterne zu sehen. Aber sie irrte sich. Ihre Nerven spielten ihr einen Streich. Der Himmel war noch immer dunkel. Und sie saß in dieser tiefen und kalten Schneewehe.
Sie versuchte, aus dem von ihr zusammengestampften Loch herauszukommen, rutschte aber immer wieder zurück in die Tiefe. Mit ihren feuchten, schweren Filzstiefeln und kalten Händen versuchte sie Löcher in die eisige Wand zu stoßen oder diese herauszukratzen. Nur langsam gelang ihr dieses Vorhaben. Die Hände bluteten und hinterließen Spuren. Aber endlich konnte sie Loch für Loch wie auf einer Treppe hinaufklettern. Schon glaubte sie es nicht mehr zu schaffen. Doch schließlich lag sie bäuchlings auf einer frisch gefallenen und zusammengewehten Schneewächte. Sie hatte es geschafft. Aber sie hatte keine Kraft mehr. Sie blickte um sich. Mühsam erkannte sie rechts von ihr den Stacheldrahtzaun. Er war sehr niedrig. Die Zaunmaschen waren vereist und sahen wie verzuckert aus. Von hier also kamen die feinen sirrenden Töne, die sie vernommen hatte. In dieser klirrenden Eiseskälte fing sogar der Stacheldrahtzaun zu singen an.
Nur eine kurze Zeit zum Ausruhen, die brauchte sie jetzt. Da erkannte sie plötzlich in der Ferne ein schwankendes Licht. Mal kam es näher, mal entfernte es sich. Dann war es ganz verschwunden. Narrten sie ihre Augen, oder bildete sie sich das nur ein? Laut versuchte sie zu schreien. Sie bekam aber keinen Ton heraus. Weinend brach sie zusammen. Ihre Tränen liefen die Wangen herunter, gefroren sofort zu Eisperlen. Hör' auf mit dem Weinen, los, steh' auf und suche dir den Weg zur Baracke. Es kann nicht weit sein! Mutti wartet doch auf dich - und die anderen Frauen auch! Sie sprach es vor sich hin. Doch da, wieder war da das verhuschte Licht. Dieses Mal war es länger durch die Schneeflocken zu sehen.
Ja, es war eine Petroleumlampe, die im Fenster einer Baracke stand, soviel konnte sie jetzt erkennen. Darauf musste sie zugehen, immer das Fenster mit dem Licht im Blick. Dann wieder ein Schneeschleier, den der unaufhörliche Wind vor sich her wehte. Atemlos blieb sie auf dem Bauch liegen. Sie spürte die Kälte nicht mehr. Sie hörte den harschen Schnee unter sich zerbrechen und klirren. Doch da, wieder sah sie das Licht. Jetzt nahm sie all ihre noch verbliebenen Kräfte zusammen. Auf allen Vieren kroch sie dem hellen Fleck entgegen. Ihre Gedanken kreisten um ihre Mutter. Sie würde in großer Angst und Sorge um sie sein und wartete doch in der Baracke auf sie. Trotz der glitzernden Eisblumen an den Wänden würde es drinnen warm sein. Sie würde sich gleich auf ihre Pritsche legen, sich mit der grauen kratzigen Pferdedecke zudecken, behütet sein - und dann nur noch schlafen, schlafen.
Mit letzter Energie schob sie sich immer weiter dem Licht zu. Sie hörte rufende Stimmen. Waren es die Frauen aus der Baracke? Bitte, dachte sie, lass' es bloß keine Bewacher sein! Im letzten Augenblick roch sie den bitteren Qualm einer Machorka, hörte sie die klagende Stimme ihrer Mutter, sah noch einmal das Licht im Fenster, ehe sie auf der vereisten und verschneiten Stufe der Baracke vor Schwäche zusammenbrach.
Laura Kanert