Das kleine Radio

In diesem Jahr schneite es am Heiligabend. Und es war eine weihnachtliche Stimmung wie schon viele Jahre nicht mehr. Vielleicht war ich in diesem Jahr besonders zugängig für solche Gefühle. Seit vorgestern hatte ich Schulferien. Und ich war mit dem Zug von meinem etwa 100 km weit entfernten Schulort angereist, für drei Wochen, wie meine Mutter feststellte. Das war wunderbar. Denn zu Weihnachten war es bei uns zu Hause immer besonders gemütlich. Auf dem großen Balkon, der an das Esszimmer grenzte, stand schon unsere Blautanne in einem großen Topf mit Wurzelballen und vielen sehr hellen Kerzen. Sie stand dort bereits seit einigen Wochen.

Im Wohnzimmer würde ich heute noch den großen Weihnachtsbaum mit meinem Vater zusammen schmücken. Das war für uns ein Ritual, denn obwohl wir beide nicht so gerne Alkohol tranken, wurde der Vorgang immer mit einem oder auch zwei Gläschen sehr gutem Cognak begossen. Meine Mutter hatte immer noch genug Vorbereitungen zu treffen und war froh, dass wir diese Aufgabe übernahmen.

Dann war da noch mein Opa. Ein sehr stiller, ernster Mann, der im oberen Stockwerk wohnte und sich am Abend auf die Bescherung freute. Nicht, weil er Geschenke erwartete, eher weil er sehen wollte, wie die anderen, besonders ich, sein einziges Enkelkind, auf die Gaben reagieren würde. - Im Radio wurden schon ununterbrochen Weihnachtslieder gespielt. Den Weihnachtsgottesdienst gab es um 17.00 Uhr. Ich hatte vor, dorthin zu gehen. Die alte gotische, lutherische Kirche wirkte zu Weihnachten immer besonders festlich mit ihren zwei sehr großen Weihnachtstannen rechts und links neben dem Altar. Der Kirchenchor sorgte für Weihnachtsstimmung. Und der Pfarrer verstand es, eine festliche Atmosphäre zu schaffen. Meine Eltern gaben vor, keine Zeit zu haben.

Nach dem Gottesdienst gab es immer Forellen, die mein Vater und ich zwei Tage zuvor erstanden hatten. Es gab in der Nähe eine sogenannte "Koppelweide", auf der sich viele Fischteiche befanden, in denen die verschieden großen Forellen schwammen. Ein Mann ging mit einer langen Stange und einem Netz in einen der Teiche und holte uns vier schöne große Forellen heraus. Allerdings konnte ich bei aller Liebe zu dieser köstlichen Speise nicht zusehen, wie die armen Tiere in dem Netz herumzappelten und nach Luft rangen.

Nach dem Essen, das sich länger als üblich hinzog, gab es die Bescherung. Obwohl ich kein Kind mehr war, ich war damals 18 Jahre alt, war ich an diesem Tag aufgeregt. Denn ich hatte mir ein besonderes Geschenk gewünscht, das mir sehr wichtig war.

In dem Schulheim, in dem ich zusammen mit einer Klassenkameradin in einem Zimmer wohnte, gab es damals weder Radio noch Fernsehen. Es gab nicht einmal eine Steckdose, in die man einen Stecker hätte stecken können. Da wir alle nur Mädchen waren, wurde das als nicht notwendig betrachtet.

Wir hatten allerdings eine Möglichkeit erdacht, diesen Mangel ab und zu zu umgehen, indem wir in die Lampenfassung über der Glühbirne einen Stecker drehten, eine Technik, die heute aus Sicherheitsgründen verboten ist. Natürlich durfte das niemand merken. Denn das hätte einen sofortigen Rauswurf aus dem Heim und somit auch von der Schule auslösen können.

Die Heimleiterin war mir wohlgesonnen, das wusste ich, nicht aber die Direktorin, die in einem Seitenflügel zwischen Heim und Schule wohnte. Sie ließ sich normalerweise nie bei uns blicken. Sie war streng und unnahbar wie die Couvernanten aus früheren Zeiten.

Meine Geschenke wurden immer auf dem Schreibtisch meines Vaters in einem Erker des Wohnzimmers aufgebaut. Als der Weihnachtsbaum erstrahlte, alle gespannt dastanden und
"O du fröhliche..." sangen, wurde es ernst. Denn danach durfte man sich den Geschenken zuwenden.

Ich sah einen Knirps, einen Seidenschal, Strümpfe, eine Portemonnai und noch einige Kleinigkeiten, aber kein Radio. Ich gab mich erfreut über die Geschenke. Immerhin konnte ich alles gut brauchen. Aber die Enttäuschung blieb. Mein Vater fragte, ob ich zufrieden sei. Und als ich mich gerade anschickte, mich bei allen zu bedanken, hörte ich leise Musik, immer lauter werdend "Stille Nacht, heilige Nacht". Da liefen mir die Tränen herunter. Ich konnte nicht sprechen vor Rührung. Die Musik kam aus dem Schreibtisch. Ich hatte nicht gemerkt, dass mein Vater hinter den frei stehenden Schreibtisch getreten war. Und nun war ihm die Überraschung geglückt. Gerade im richtigen Moment, bei dem schönsten Weihnachtslied, fing das Radio, das natürlich vorher genau eingestellt war, an zu spielen. Mein Vater hatte heimlich den Stecker hinter dem Schreibtisch in die Steckdose gesteckt. Das hatte eine geheimnisvollere Wirkung als hätte man das Radio normal angestellt. Er hatte das alles genau ausprobiert. Das kleine Radio war weiß. Und so viel ich mich erinnern kann, das schönste Geschenk seit meiner frühesten Kindheit.

Ilselore Quaß