Martin Greif - dem impressionistischen Naturlyriker zum 100. Todestag

2011 jährt sich der 100. Todestag des Dichters Martin Greif. Längere Zeit war er kaum mehr bekannt, obwohl er einst als "Bedeutender stimmungsvoller, impressionistischer Naturlyriker" galt. Noch in der Mitte des 20. Jhs. fanden Schüler Gedichte von ihm in ihren Lesebüchern. Immerhin waren Felix Braun und Carls Stephenson mit ihren Anthologien "Der tausendjährige Rosen-strauch" (1958) und "Die schönsten Gedichte aus acht Jahrhunderten" (1988) von der Qualität Greifscher Lyrik so überzeugt, dass sie Gedichte von ihm in ihre Sammelbände aufnahmen.

Als Friedrich Hermann Frey wurde er am 18. Juni 1839 als Sohn des Regierungsdirektors Max Frey und dessen Gattin Adelheid Friederike Ehrmann in Speyer geboren. Eine Gedenktafel in der dortigen  Webergasse kennzeichnet sein Geburtshaus. Erst 1882 nannte er sich auch bürgerlich mit seinem Dichternamen Martin Greif.

Von seiner Kindheit und Jugendzeit ist wenig bekannt. Da Max Frey nach München versetzt wurde, lebte die Familie fortan in der bayerischen Hauptstadt. Mit zwanzig Jahren trat Friedrich Hermann Frey als Kadett in die Garnison zu Landau ein und stieg in der militärischen Laufbahn bis zum Bayerischen Artillerieleutnant auf. 1866 nahm er am "Deutschen Krieg" auf der österreichischen-bayerischen Seite gegen Preußen und Italien teil. Im Folgejahr quittierte er jedoch seinen Dienst bei der Armee und lebte fortan als freier Schriftsteller und Festspiel-dichter in München; auch verfasste er Dramen für das Bayerische Hof- und Nationaltheater. 1869 zog Martin Greif nach Wien. Dort wurden durch Fürsprache des Leiters des Burgtheaters, Heinrich Laube, viele seiner Stücke erfolgreich aufgeführt. Als Laube das Theater verließ, kehrte Martin Greif nach München zurück. Dort wurde er zum Ehrenbürger ernannt. Er gehörte zum "Münchner Dichterkreis" um Max II. von Bayern. Bedeutendste Dichter waren Emanuel Geibel und Paul Heyse. Zu ihnen gesellten sich Friedrich von Bodenstedt (1819-1892) s."Lieder der Mirza Schaffy", der Kunsthistoriker und Übersetzer Adolf Friedrich Graf von Schack (1815-1894) und Hermann Lingg (1820-1905). Sein Gedicht "Das Krokodil zu Singapur" verdankt der von Paul Heyse gegründeten Dichterge-meinschaft den Namen.

1862 besuchte Martin Greif den großen Frankendichter Friedrich Rückert in Neuses bei Coburg. Wenig später sandte er ihm "Eine epische Dichtung: Die Schlacht von Leipzig". Und Rückert antwortete ihm in einem Brief vom 19.11.1864: "Aber Sie haben in Ihrem Schlachtengemälde, mit großer Redegewandtheit und Darstellungskunst und Gedankensprung, alles mögliche geleistet, was eben moderne Poesie modernen Schlachten abgewinnen kann.  Es genügt, wenn einzelne Scenen  in einem Lichtblick klar hervortreten, und an solchen hat Ihr kunstreiches Gedicht keinen Mangel."

Greif weilte im Sommer gern in den Bergen, kam oft nach Dießen am Ammersee. Größere Reisen führten ihn durch West- und Südeuropa (England, Italien u.a.). Nach langer und schwerer Krankheit starb Martin Greif am 1. April 1911 im Kufsteiner Krankenhaus. Auf dem Palmberger Friedhof (heute Ortsteil von Zangberg), nördlich von Ampfing, fand er seine letzte Ruhestätte - an der Chorwand der Kirche St. Peter und Paul. Das Grabmal schuf der Bildhauer Hermann Lang.

Es war Eduard Mörike, einer der großen deutschen Dichter, der 1868 seinem Verleger Cotta empfahl, eine erste Gedichtsammlung Martin Greifs herauszugeben. Es dauerte dann mehr als 30 Jahre bis die "Neue Lieder und Mären" (1902) und das "Buch der Lyrik" (1909) erschienen. Doch in der Zwischenzeit entstanden etliche historische Dramen, deren literarisches Gewicht damals jedoch sehr unter-schiedlich beurteilt wurde. Ihm wohlwollende Kritiker äußerten sich vorsichtig. So meinte J. Howald: Greifs Dramen seien "annehmbar, doch nicht hervorragend". Eduard Eppel schrieb: "Von seinen vielen Dramen lässt sich nur schonend sagen, dass sie alle sehr gut gemeint sind!" Anerkennender äußerte sich Hugo Weber: "Als Dramatiker hat er sich bewährt", schränkt aber ein: "obgleich seine Dramen nicht ein außergewöhnliches Talent bekunden". So sind diese Kritiken eher Kränkungen als Lob.

Trotzdem war Martin Greif mit seinem "Prinz Eugen" (1880), der "Hohen-staufen-Trilogie" (1887-89) und "Agnes Bernauer - der Engel von Augsburg" (1894) an einigen Bühnen erfolgreich. Abgesehen davon müssen die negativen Urteile als ungerecht bezeichnet werden. Allein schon die Tatsache, dass Martin Greif Dramen für das Bayerische Hof- und Nationaltheater schrieb und vor allem, dass ein damals so berühmter Theatermann wie Heinrich Laube viele seiner Werke erfolgreich am Wien er Burgtheater aufführen ließ, demon-strieren eine andere Sichtweise.

Martin Greif hatte für seine Dramen meist bedeutende Persönlichkeiten gewählt, wie "Nero" (1877) - "Heinrich der Löwe" (1887) - "Hans Sachs" (1894) - "General York" (1899). Für sein vaterländisches Volksstück "Ludwig der Bayer" (1891) hatte die Stadt Kraiburg am Inn extra ein Festspielhaus erbaut. Es brannte 1944 ab. - Mehr Anerkennung fand Martin Greif zu Lebzeiten mit seinen Gedichten. So spricht Eduard Engel von "zarten, stillen Gedichten: seine Lieder sind wie ein Hauch ."

Nur allmählich konnte sich der Dichter durchsetzen. Doch bald bildete sich "ein fester Kreis warmer treuer Bewunderer" und die "durch ihre Innerlichkeit zwingende Lyrik ist . . .  nachzurühmen" (Friedrich Vogt/Max Koch).

Öfters wird beanstandet, Greif habe nicht verstanden, die Spreu vom Weizen zu trennen, d.h. die Qualität der Texte ist sehr unterschiedlich. Dies beklagt auch J. Howald: So steht "ganz Vor-treffliches neben Flachem", dennoch zählt er zu den "besten unserer Lyriker".

Am besten haben damals wohl die Literaturwissenschaftler Fr. Vogt und M. Koch den Wert und die Leistung von Martin Greif erkannt: "In seinen Gedichten treffen wir freie Rhytmen, unter ihnen den schönen Hymnus auf den unglücklichen Bayernkönig Ludwig II. un d  die scharfen Sinngedichte. Aber seine Stellung in der Literaturgeschichte hat Greif als 'elementarer Lyriker' inne. Greif vertritt die 'ungetrübte Empfin-dung, wie sie das echte Volkslied kennzeichnet'. - Mit dem Ausdruck des Gefühls hält er sich zurück, das lässt er, wie es das Volkslied pflegt, halb erraten. Doch aus der Stimmung heraus spricht zu uns des Dichters reines Gemüt".

Höchst erfreulich ist, dass 100 Jahre nach seinem Tod das Lob über die Lyrik von Martin Greif besonders positiv ausfällt. So schreibt die Literatur-wissenschaftlerin Katharina Junk: "Greifs Italienlyrik besitzt einen fast volksliedhaften Charakter, wozu die einfachen Reim- und Versstrukturen und die Klarheit der Sprache beitragen. Italienische Szenerien zeigen sich dabei zumeist als Orte der Trauer, des Übersinnlichen und des Memento Mori."

Josef Steinbichler vom Heimatverein Töging am Inn äußert sich wie folgt: "Greif ist, was seine Verse anbelangt, gleich neben Mörike zu stellen. Seine Verse haben einen Klang, gleichsam aus der Seele geschöpft, wie wir ihn nur bei diesem Altmeister der poetischen Lyrik vorfinden. Es ist die hohe Kultiviertheit der Sprache, die den auf den ersten Blick bescheiden wirkenden Strophen  etwas Ewiges verleiht."- Doch prüfen wir einmal selbst bei bedächtigem Lesen wie die drei beigefügten Gedichte auf unser Gemüt wirken.

Noch einen Gedanken möchte ich weitergeben: "Vielleicht wäre es sinnvoll, 100 Jahre nach Martin Greifs Tod, vorurteilslos zu prüfen, ob es sich nicht lohnen würde, das eine oder andere Drama des Dichters auf einer Schaubühne aufzuführen. Es wäre allein schon reizvoll zu sehen, wie ein Theaterstück eines Autors aus der Gründerzeit (zwischen zwei Kriegen) geschichtliche Persönlichkeiten betrach-tete, beurteilte und beschrieb. - Etliche Gedichte Martin Greifs wurden vertont. Er selbst wurde von seinen Maler-freunden Wilhelm Trübner, Karl Haider und Hans Thoma portraitiert. In den 1912 von W. Kosch herausgegebenen "Nachgelassenen Schriften" befinden sich auch Jugenderinnerungen aus seiner Gymnasialzeit.
 

Vor der Ernte

Nun rühret die Ähren im Felde
Ein leiser Hauch.
Wenn eine sich beugt, so bebet
Die andere auch.

Es ist, als ahnten sie alle
Der Sichel Schnitt -
Die Blumen und fremden Halme
Erzittern mit.

Martin Greif

Zur Heimat

Meine Heimat liegt im Blauen.
Fern und doch nicht allzuweit.
Und ich hoffe sie zu schauen
Nach dem Traum der Endlichkeit.

Wann der Tag schon im Versinken
Und sein letztes Rot verbleicht,
Will es manchmal mich bedünken,
Daß mein Blick sie schon erreicht.

Martin Greif

Morgengang

Ich geh auf stillen Wegen
Frühtags ins grüne Feld,
Wie lacht mir da entgegen
Die junge Morgenwelt!

Wohl tausend Blüten schauen
Von Wald und Wiesen her,
 
Die alle tropfend tauen
Von edlen Perlen schwer.

Ich brech mir ein Geschmeide
Von nassen Rosen ab:
Wärst du an meiner Seite,
Von der geträumt ich hab!

Ich hing dirs in die Locken
Als deinen Hochzeitskranz -
Da gehn die Morgenglocken,
Ich steh in Tränen ganz.

Martin Greif