Der Sprung

Wenige Stunden bevor er sprang, rotteten sie
sich zusammen, und die Ladenbesitzer räumten
die Bürgersteige, ließen die Rolläden runter,
wie auch die meisten Einwohner der Stadt,
die dem Tag der Anarchie entgegendämmerte,
die Augen der Häuser himmelwärts gerichtet,
als wollten sie sich ihr Heil herabflehen
von einem Himmel, der sich anschickte,
ein unternehmungslustiges Bleu aufzulegen,
und auch ich verschanzte mich hinter der Tür,
als Naiver, Ungläubiger mit nur halber Laune,
weil ich an keine Apokalypse glauben wollte,
und weil ich mich so oft geschämt hatte,
lehnte ich es ab, mich diesmal zu schämen,
nur weil ich mich heraushalten wollte aus
Gefährlichkeiten, die ich nicht überblickte,
denen ich auch nicht entgegentreten konnte,
zumal ich zu meiner Genugtuung außer dem
Brüllen  der Rotten und scheppernden Rhythmen
selbst nach einigen Stunden nichts bemerkte,
was mir hätte wirklich Angst machen können,
und als ich dann die Überreste von Gewalt
und Haß besichtigen wollte, etwas, das als
Anarchie durchgehen konnte, stieß ich auf
keine Scherbenwüste, auf kein Trümmerfeld,
nur auf einige Glatzen in Kriegsbemalung,
umgeben von der Übermacht weißer Helme,
doch dann ein Schrei, ein unheilvolles Plubb
am Fuße des Hochhauses, aus dem Vorgarten,
dessen Erde aufstaubte und das Blut trank
mit der Gier und dem Durst einer Sommerwiese,
und keiner aus dem Haus konnte erklären,
warum ihr Mitbewohner gesprungen war, nur,
dass er siebzig war und Ismael Schulz hieß.

Gerhard Franke