Tod meines Freundes

Ich war nicht zum ersten Mal mit meiner blau-grau-weißen Cessna, Baujahr 1974, über die Alpen Richtung Mailand geflogen  und wie immer mit meinem besten Freund und Flugbegleiter. Dieses Mal aber machten wir einen Umweg über München, weil wir dort noch etwas zu erledigen hatten. Dann erst flogen wir weiter nach Mailand, der zweitgrößten italienischen Stadt, um auf der dortigen  Modemesse der Prêt-à-porter-Woche -vom 26. September bis zum 4. Oktober - unseren Stand, den wir vor Ort hatten aufbauen lassen, einen Tag vor der Eröffnung noch einmal zu überprüfen, auch weil es die italienischen  Mitarbeiter oft nicht so genau nahmen. Dieses Misstrauen war folgenschwer.

Meinen Flugschein hatte ich schon seit etwa 20 Jahren  und mir war noch nie etwas Ernsthaftes zugestoßen. Ab und zu ein Unwetter, das ja, auch eine ungeplante Zwischenlandung, aber das hielt sich alles im Rahmen möglicher Widrigkeiten. Was ich jedoch dann vor der Herbstmesse in Italien in den Bergen erleben sollte, das veränderte mein bisheriges Leben:
 
Gerade noch hatte die Sonne den Schnee  auf den wolkenumhangenen Bergmassiven  aufglänzen lassen, als das Wetter  wechselte. Wir konnten  uns das nicht erklären , aber es war infernalisch. Westlich von Bozen  entlud sich ein Gewitter mit Blitzen, Hagel, Schneeregen, Sturm und einer "Null-Sicht", genau über dem Ortlergebiet in Tirol. Meine Maschine schmierte plötzlich ab. Ich versuchte die sinkende Maschine wieder hochzuziehen, aber das wollte mir nicht gelingen. Rußiger Qualm kam aus dem Propeller; wir verloren rasend schnell an Höhe. Die Instrumente gerieten außer Kontrolle. Ich konnte eine Bruchlandung nicht mehr verhindern. Die Maschine landete auf weichem Schnee und wir wurden kräftig durcheinander geschüttelt. - Wir befanden uns auf einer Höhe von etwa 3.000 Metern. Ob die Maschine von einem Blitz getroffen worden war oder was sonst den Absturz verursacht haben mochte, ich wusste es nicht. Mein Freund klagte plötzlich über Brustschmerzen und Atemnot. Ich konnte keine äußere Verletzung entdecken. Blut jedenfalls war nicht sehen.
 
Die Sonne war  nun komplett verdeckt. In der Maschine waren durch den unsanften Aufprall alle Dinge durcheinandergeraten. Unser Funkgerät funktionierte nicht. Was sollten wir tun? Abseits der Bergwege - in diesem Wetter - hatten wir nahezu keine Chance gefunden zu werden. Bald schon würde es dunkel werden! Gedankenschwer richteten wir uns darauf ein. In der ersten Nacht wurde es bitterkalt. Wir hatten uns ein Schlaflager mit allem was wärmte errichtet. Am nächsten Morgen überlegte ich, ob ich allein in das Tal absteigen sollte, um Hilfe für meinen  verletzten  Freund zu holen. Ich konnte mich indessen nicht dazu entschließen, da ich keine Karten aus dieser Gegend vorfand. - Zunächst ernährten  wir uns weitgehend von Müsliriegeln, die mein Freund glücklicherweise stets in Mengen bei sich hatte. Wenn wir durstig waren, aßen wir Schnee. Doch schließlich ging unser Proviant zur Neige und wir aßen nur noch Schnee. Wir sahen keine Möglichkeit, ein wärmendes Feuer zu machen. In der Zwischenzeit ging es meinem Freund immer schlechter. Ich konnte nichts tun und begann, um mich abzulenken, auf einem Notizblock die Empfindungen meiner wohl  letzten Tage niederzuschreiben. Ja, ich schloss mit dem Leben ab. Die weiße Wüste, auf über 3.000 Metern Höhe mochte schön sein, wenn man dort warm verpackt Ski fuhr oder mit einem kundigen Führer unterwegs war. Für uns bedeutete es die Hölle! Ich überdachte mein Leben und daran, was ich wohl so alles Schlechte getan haben mochte aber auch daran, was mir gelungen war. Ich glaube, es hielt sich die Waage. Ich erzählte meinem Freund von meinen Gedanken, fügte dieses und jenes hinzu, was noch einmal gesagt werden sollte. Seltsamerweise schien er trotz seiner Verletzung innerlich ruhiger zu sein als ich. Es erstaunte mich, denn er hatte eine ungeduldige Natur und ich hatte geglaubt, ihn genau zu kennen.

Am dritten, spätestens aber am vierten Tag nach dieser Notlandung, so hatte er mir eröffnet, wären wir tot, wenn wir ohne Nahrung bleiben würden und weiterhin den kalten Schnee essen mussten. Und allmählich konnte ich vor Hunger kaum mehr klar denken. Mein Freund blieb noch immer ruhig und bedacht. Ich aber hatte  mit dem Leben abgeschossen und wartete auf den mich erlösenden Tod. Doch der sollte nicht kommen! Denn von irgendwoher hörten wir Rufe plötzlich, die wir aber kaum erwidern konnten. Dennoch fand man uns  nach geraumer Zeit. Tage später,  in einem Krankenhaus, kam es mir vor, als begänne ein zweites Leben für mich. Meinen Freund jedoch hatte ich verloren. Er konnte nur noch tot geborgen werden. Das war schlimm, sehr schlimm. Hatte ich doch nie zuvor soviel Freude und Leid mit einem Menschen geteilt. Lange, sehr lange dauerte es, bis ich wieder einmal ein Flugzeug bestieg. Irgendwann flog ich wieder selbst.  Doch die Gedanken, was unseren Absturz verursacht hatte, bedrängten mich dabei immer wieder. Wenn ich heute auf den heimischen Friedhof gehe, muss ich ich  an diese harten Tage in 3.000 Meter Höhe denken. Und immer wieder  machte ich mir Vorwürfe, nicht einen Tag später geflogen zu sein. Möglicherweise wären wir ohne Unwetter über den Alpen heil in Mailand angekommen. Vielleicht würde dann mein Freund noch leben. Wie immer hätten wir dann gemeinsam unsere aktuelle Kollektion renommierter Modedesigner auf der Messe vorgestellt, die wunderschönen und schlanken Models über den "Catwalk" schweben sehen und uns daran gefreut, was Leben  damals für uns bedeutete.

Günter Weber-Degen