Hier ist Deutschlands schönstes Herz

Inselsberg und Kickelhahn im Thüringer Wald
 

"Der Morgen, das ist meine Freude!
Da steig' ich in stiller Stund'
Auf den höchsten Berg in die Weite,
Grüß' dich, Deutschland aus Herzensgrund!"

Diese Verse aus Joseph von Eichendorffs Gedicht "Heimweh" gehören zu den innigsten, mit denen sich ein deutscher Dichter zu seinem Vaterland bekannte. Wie gut kann ich das Gefühl des Glücks und der Freude nachempfinden! - Von einem Gipfel aus weit hinaus ins Land zu schauen! Schon in Kindheitstagen träumte ich davon, einst auf hohen, mir bedeutsamen deutschen Bergen zu stehen. In den 50er Jahren stieg ich auf den Feldberg im Schwarzwald und auf den Großen Belchen in den Vogesen. Nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Teilstaaten erlebte ich die Gipfel des Brockens im Harz und des Fichtelgebirges im Erzgebirge - nur die Schneekoppe, im Riesengebirge, wartet noch immer auf mich.    Doch seit "das grüne Herz Deutschlands" wieder für alle Deutschen schlägt, konnte ich endlich mit Verwandten über die Höhen des Thüringer Waldes wandern. Vor allem galt meine Sehnsucht dem majestätischen Inselsberg, auf dem einst Hjalmar Kutzleb das später bei der Bündischen Jugend beliebte Lied schrieb "Wir wollen zu Land aus fahren ..."

Oft schon hatte ich den hoch in den Himmel gereckten Buckel während einer Fahrt durch Thüringen vom Eisenbahnfenster aus bewundert. Obgleich er nicht einmal zu den zehn höchsten Gipfeln des Gebirges zählt, "ragt er doch durch Form, Umfang und beherrschende Lage weit hervor" und gilt als "beliebtester Aussichtspunkt des Thüringer Waldes" (Grieben).
 
An meinem Geburtstag fuhren wir vom Parkplatz "Grenzwiese" mit dem lustigen, luftigen blau-roten Inselsberg-Bähnle, auf kurvenreicher und holpriger Pflasterstraße durch den herbstbunten Laubwald bergan zum Großen Inselsberg (916 m). Vom Gipfel aus bot sich eine prächtige Weitsicht: Bergketten, teilweise zwischen Nebelbänken und -feldern. Und im Südosten,  bei Oberhof,  sind die größeren Brüder zu sehen: Der Große Beerberg (982 m), der Schneekopf (978m) und der Große Finsterberg (944 m). - Schon  Goethe rühmte die Rundsicht vom Inselberg aus. Ludwig Bechstein schwärmte: " Als der Nebel wich, zerriss der Schleier, zeigte wie ein Fatamorgana-Bild auf Momente  der tief  unten hellbesonnten Gefilde, der Städte, Dörfer, Auen ...  - und dem Auge war vergönnt das großartigste Panorama ringsum zu überschauen". Und der Dichter schildert in seinen "Wanderungen durch Thüringen", welche Landschaften ihm in der "Luft hell und klar" offenbart wurden. U.a. der Harz und der Kyffhäuser, die Gleichberge bei Römhild, die Rhön und der Meißner; sogar die Wartburg grüßt herüber.

Da einst auf dem Inselsberg die Grenze zwischen zwei Staaten verlief (Preußen-Kurhessen und Sachsen-Coburg-Gotha), laden auch heute noch zwei Gasthäuser zur Einkehr ein: Der ehemalige "Preußische Hof" - heute "Berggaststätte Stöhr" und das Hotel "Goth'scher Hof".-  Als gebürtige Sachsen zog uns dass thüringische Restaurant stärker an. Und wir erkannten beim Betreten der rustikalen Gaststube - und später beim Essen: Wir hatten gut gewählt.

Auf dem Inselsberg fehlt natürlich der Aussichtsturm nicht. Doch stärker beherrscht der Sendemast mit anderen technischen Einrichtungen das weiträumige Plateau inmitten naturbelassener Landschaft. In diesem "Totalreservat" findet weder forstliche Bewirtschaftung noch Pflege statt.

Zwei Tage später wandern wir von einem Waldparkplatz oberhalb Ilmenaus aus auf steiniger Straße bergan zum "Kickelhahn". Dieser ist durch Goethes "Wandrers Nachtlied" berühmt geworden. - Zunächst erreichen wir jedoch das einst weimarische Jagdhaus Gabelsbach, einen schlichten Bau mit hellbraun bemalten Holzwänden und Laternen neben der Tür. Hier tagte eines die "dichtende Tafelrunde". Die beiden bekanntesten Dichter J.V. von Scheffel ("Ekkehard", "Trompeter von Säckingen") und Rudolf Baumbach ("Lieder eines fahrenden Gesellen ") wurden von der kleinen Gemeinde Gabelsbach zu "Gemeindepoeten". die berühmtesten Staaatsmänner Bismarck und Hindenburg gar zu "Ehrenschulzen" ernannt. Ein Gedenkstein vor dem Haus erinnert noch heute an Baumbach.

Seitlich am Fahrweg informieren Lehrtafeln über Waldverschmutzungen, kranke Bäume und Ursachen des Waldsterbens (vor allem auch durch Autoabgase). - Kurz vor dem Gipfel des "Gückelhahns" erkenne ich jenes Wegstück wieder, auf dem ich vor rund 60 Jahren (1943) mit meiner Mutter und meiner Schwester gegangen bin.

Und ich erinnere mich daran, wie tief man ins Ilmtal blicken konnte. - Wenig später stehen wir vor dem "Goethehäuschen". Es ist nicht mehr die ursprüngliche Hütte, in der der "Dichter tagelang hauste, malte, träumte, Briefe schrieb an die geliebte Frau von Stein" (August Trinius) -, sie brannte 1870 ab. Doch schon vier Jahre später entstand eine neue, stilgerecht der alten nachgebaut. Ob Goethe am 6. September 1780 sein wunderschönes Gedicht an die Bretterwand schrieb, wie es Eduard Engel verkündet - oder am 2. September 1783, wie Friedrich Kienhardt meint, vielleicht gar schon 1777, wie Georg Ried sagt, ist letztendlich weniger wichtig, als jene Tatsache, dass der greise Dichter kurz vor seinem Tod (1832) noch einmal auf dieser beglückenden Waldhöhe stand und in die Abendstille hineinlauschte.
 
Heutzutage ist der Berg mit niedrigen Pflanzen und Bäumen bedeckt, u.a. mit Heidelbeergestrüpp. Und des Dichterfürsten "Nachtlied" können wir gegenwärtig sowohl an der Außenwand der Bretterhütte sowie als Faksimile in Goethes Handschrift hinter einem Glasrahmen im Innenraum lesen:

"Über allen Gipfeln
Ist Ruh.
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vöglein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch."

Auch damals fand Goethe "Ruh' über allen Gipfeln" und "Die Vöglein schwiegen im Walde". Da wurde ihm plötzlich der tiefere Sinn der letzten Zeile seines Liedes bewußt: "Warte nur, bald, ruhest du auch!"

Rund siebzig Jahre später schrieb Friedrich Lienhard in seinem "Thüringer Tagebuch": "Über allen Wipfeln ist Ruh' - auch heute. Aber die Fichten auf dem Kamm ... sind ungewöhnlich wetterzerzaust ...  dieser Gipfel ist offenbar sehr den Stürmen ausgesetzt ...  So und nicht anders muß  ...  ein Berggipfel aussehen, auf dem das berühmteste deutsche Abendlied vom größten deutschen Dichter erlebt worden ist."

Im Obergeschoß sind diese lyrischen Zeilen in verschiedenen Sprachen an die Wand geschrieben worden. Übrigens wurde das "Goethehäuschen" als "Pirschhaus für Jagdzwecke" von Karl August Herzog von Sachsen-Weimar anstelle eines 1740 errichteten kleinen Forsthauses durch Großherzog Ernst August erbaut, nachdem  ersteres abgerissen worden war. Zur Nutzung dieses neuen Jagdhauses entstand die Jagdanlage Kickelhahn.

Auf dem Bergsattel gelangten wir in wenigen Minuten zum hohen steinernen Aussichtsturm und zu einer kleinen bescheidenen Gaststätte. An der sonst hier geschätzten Aussicht auf  "ein schön Stück Thüringer Land" mangelte es leider an jenem Herbsttag, da aus den Tälern Nebel hervorquollen und die Höhen verschleierten. Trotzdem waren uns beim Heimgang auf dem längeren aber bequemeren "Panoramaweg" Ausblicke auf die Landschaft bei Ilmenau und auf die Burg Gleichen bei Arnstadt vergönnt. Und gern bestätigen wir auch nach hundert Jahren Lienhards Aussage: "Hier ist Deutschlands schönes Herz!"