Vor der Tür ein Gast
Geschrieben von: Inge Zahn
Als Lisa die Tür öffnete, weil es geläutet hatte, stand vor ihr ein Osterhase. Da er größer war, als sie selbst, schaute er von oben aus braunen Augen auf sie herab. Seine Barthaare zitterten, als er das Maul öffnete und sich vorstellte: "Guten Tag, ich bin der Osterhase!", mümmelte er vor sich hin. "Der Osterhase!"
Das sei nicht zu übersehen, entgegnete Lisa und lachte ihn unerschrocken an. Mit einem Blick auf seine verkleckste Hose und sein kariertes Hemd fragte sie, ob er vorhabe, das Haus anzustreichen. Er wolle ihre Ostereier anmalen, entgegnete der Hase und streckte ihr eine Palette mit Pastellfarben entgegen. "Meine Ostereier?", wunderte sich Lisa. "Meine Ostereier?" -
Da mümmelte der Hase, er habe ihren prächtigen Hahn krähen hören. Und wo ein Hahn sei, wären gewiss Hennen zu finden, die Eier legten. "Und die wollen Sie bemalen?", fragte Lisa ungläubig. Es hatte noch niemals ein Osterhase bei ihr geläutet, um Eier zu bemalen. Der Osterhase nickte, dass die Löffelohren schlackerten und versicherte, er werde seine Arbeit gut machen. Der Wind habe ihm verraten, die Hühner von Lisa seien glückliche Hühner, die im Garten herumpicken und sich mit Körnern ernähren würden. Er habe sich gedacht, Lisa könnte seine bemalten Eier auf dem Markt verkaufen und auf ein Plakat schreiben:
Ostereier von glücklichen Hennen
bemalt von Hase Löffel
Die Antwort gefiel Lisa. Sie öffnete die Tür weit und bat Löffel, den Osterhasen, in das Haus. Er begann sofort mit der Arbeit. Denn Lisa hatte in Windeseile einen großen Korb mit Eiern auf den Tisch vor ihn gestellt. Von der Seite strich sie ihm im Vorübergehen vorsichtig über sein Fell. Es war echt und warm und roch nach Hase, Wiesen und Sonne. Da brachte sie ihm auf einem Teller die schönsten Möhrchen, die sie in ihrem Keller finden konnte. Der Hase griff danach, knabberte daran und malte und malte. Bevor es Abend wurde und die Sonne unterging, hatte Löffel eine ganze Schubkarre voller Eier bemalt. Eines war schöner als das andere. Den Fuchs hatte er darauf gemalt, die Vögel, die Rehe und die Blumenwiesen. Er hatte sich auch eine Geschichte dazu ausgedacht. Und als Lisa am Wochenende unter einem großen Sonnenschirm die Eier auf dem Markt verkaufte, saß der Osterhase neben ihr und las sie vor:
Vor langer, langer Zeit gab es einmal viele glückliche Hühner. Sie lebten hinter den Häusern der Menschen, suchten in Gärten und Höfen nach Würmern und Körnern. Der Fuchs war ihr Feind. Doch die Menschen hielten sich Hunde, die ihn verjagten. Die Osterhasen verscheuchten sie nicht, wenn sie im Frühjahr über die Felder sprangen und die Eier der Hühner in Körben davontrugen. Die Vögel auf den Bäumen sangen und die Kühe muhten, wenn sie sie sahen. Denn sie wussten, nun würden das Frühjahr und der Sommer beginnen. Die Hähne krähten ihr lautes Kikeriki und das zufriedene Putt-Putt-Putt der Hennen war weit zu hören. Denn sie brüteten manche der Eier. Diese öffneten sich nach einigen Wochen. Daraus krochen gelbe kleine Hühnchen, die bald groß werden und selbst Eier legen würden. Einmal, vor langer langer Zeit, gab es glückliche Hühner, schloss Löffel seine Geschichte. Und er seufzte.
Die Kinder, die sich um den Stand von Lisa gedrängt, den Osterhasen betrachtet und ihm zugehört hatten, wollten wissen, weshalb es nun keine glücklichen Hühner mehr gäbe. Und sie riefen, er habe gelogen, überall gäbe es Eier, viele Eier zu kaufen. Da holte der Osterhase ein graues Plakat unter dem Holztisch von Lisas Marktstand hervor. Darauf waren Hühner, viele Hühner auf Stangen gemalt. Die Sonne beschien sie nicht. Ihr Gefieder war matt, denn die Hühner hockten dicht nebeneinander, wie in einem Gefängnis. Tag und Nacht. Sie waren schwach und manche nackt. Und es war ein jammervolles Bild. Da senkten die Kinder und die Menschen ihre Augen nieder. An diesem Tag kauften sie nur die Eier von Lisa.
Nach dem Osterfest in jenem Jahr soll es geschehen sein, dass manche Menschen in der Stadt, in der Lisa wohnte, in ihren Gärten einen prächtigen Hahn und Hühner hielten. Ob sie hofften, Löffel, der Hase, würde im nächsten Jahr vor ihrer Tür stehen und Ostereier bei ihnen bemalen?
Inge Zahn